Cusco.

Nach einer zehnstündigen Nachtfahrt quer durch die südperuanischen Anden erreicht unser Oltursa-Bus pünktlich um 6.30 Uhr am Mittwochmorgen den Busbahnhof von Cusco. Sehr früh, doch wir haben mit unserem gesamten Gepäck keine andere Wahl: Wir nehmen ein Taxi und lassen uns zu unserer Unterkunft bringen – zum ersten Mal haben wir über Airbnb gebucht und werden nun für eine Woche bei Ingrid im Stadtviertel Quispicanchi wohnen.

Sie weiß zwar Bescheid, dass wir mit dem Nachtbus aus Arequipa ankommen, ein bisschen überrascht darüber, dass es so früh ist, ist sie aber wohl doch. Wir klingeln kurz vor sieben Uhr bei ihr; sie wohnt in einem mehrgeschossigen Wohnblock im vierten Stock. Nichtsdestotrotz empfängt sie uns sehr herzlich und bietet uns an, uns zunächst etwas auszuruhen, bevor sie uns zwei Stunden später mit der Umgebung vertraut macht. Für uns AirBnB-Gäste wurde ein Kinderzimmer freigemacht – wir haben zwei getrennte Betten mit Blick auf ein Regal, auf dem noch etwas Spielzeug steht. Frühstücken können wir in einem vielleicht fünf Minuten Fußmarsch entfernten Café an einer großen Straße; von dort fahren auch die Busse ins Stadtzentrum.

Nach der ruckeligen Fahrt, die uns nicht gerade ungestört schlafen ließ, brauchen wir noch einige Stunden Ruhe, ehe wir nachmittags eine erste Stadterkundung beginnen. Die beschränkt sich heute aber ganz eng auf die unmittelbare Umgebung rund um die Plaza de Armas. Sie befindet sich dort, wo einst der Haukaypata war – der Hauptplatz der Inka-Hauptstadt Cusco, dessen Name „Nabel der Welt“ bedeutet.

Plaza de Armas mit Kathedrale und Jesuitenkirche
Plaza de Armas mit Kathedrale und Jesuitenkirche

Die Statue des Inka-Königs Pachacúteq Yupanqui schmückt den Brunnen mitten auf der Plaza; sie erinnert noch an die einstigen Herren in dieser fast 3.400 Meter hoch wunderschön in einem Talkessel gelegenen Stadt, die rundum von Bergen umgeben ist.

Pachacúteq Yupanqui schmückt auch den Brunnen auf der Plaza de Armas
Pachacúteq Yupanqui schmückt auch den Brunnen auf der Plaza de Armas

Ansonsten geht das heutige Gesicht des Platzes ganz auf die spanischen Eroberer zurück. Sie haben zwei prachtvolle Kirchen errichtet – zum einen die mächtige Kathedrale, zum anderen die Jesuitenkirche. Beide wurden im 16./17. Jahrhundert auf den Grundmauern ehemals bedeutender Inka-Paläste errichtet, die zuvor im Zuge der Auslöschung des Inka-Reiches zerstört wurden.

Cusco - im Spannungsfeld zwischen Inkas und Spaniern
Cusco – im Spannungsfeld zwischen Inkas und Spaniern

An den beiden anderen Seiten des Platzes stehen lange, durch Arkadengänge verbundene, mit reich verzierten Holzbalkonen geschmückte Häuserfronten, die fast ausschließlich Restaurants und Reiseagenturen beherbergen. Kein Wunder: Wir sind hier im absoluten Zentrum des peruanischen Fremdenverkehrs. Das merken wir auch, als wir uns mitten auf der Plaza auf eine Parkbank setzen. Straßenhändler gibt es zwar auch anderswo, aber nirgends ist es bisher vorgekommen, dass wir fast minütlich angesprochen wurden: Von Schmuck-, Bilder- und Andenkenverkäufern, von Schuhputzern und Touranbietern… es nimmt kein Ende!

Plaza de Armas im abendlichen Lichterglanz
Plaza de Armas im abendlichen Lichterglanz

Da trifft es sich gut, dass wir uns hier wieder mit den beiden Dresdnern Marina und Christian verabredet haben, die bereits seit zwei Tagen in Cusco sind. Mit ihnen gehen wir zum Abendessen, tauschen Erfahrungen aus und verabschieden uns mit der Hoffnung, uns in Bolivien ein weiteres Mal zu treffen.

Am Donnerstagvormittag begleitet uns unsere wirklich ausgesprochen liebenswürdige Gastgeberin Ingrid, deren Ehemann Rodrigo und die beiden Söhne Fabián und Benjamin wir inzwischen auch kennengelernt haben, in die Stadt. Aus gutem Grund: Wir haben uns gestern darüber unterhalten, was wir in den nächsten Tagen in und um Cusco so alles tun können. Selbstverständlich kam die Rede zuerst auf Machu Picchu, die weltberühmte Ruinenstadt, Ziel wohl fast aller Peru-Reisenden. Wir haben bisher nichts gebucht; dass das ein äußerst teures Vergnügen ist, ist uns aber wohl bewusst. Weil es ansonsten auch noch viele lohenswerte Ziele gibt, wollen wir aber nicht mehrere Tage für Machu Picchu aufwenden. Ingrid unterstützt uns enorm: Sie läuft mit uns vom Ticketbüro der Bahngesellschaft „PeruRail“ zur Vertretung des Kulturministeriums, das die – pro Tag limitierten – Eintrittskarten für die Ruinenstätte verkauft, und schließlich noch in eine Bank, in der es eine Verkaufsstelle für die Bustickets gibt, die man für die letzten paar Kilometer noch braucht. Dort werden nur Dollar akzeptiert; deswegen gehen wir auch noch zu einer Wechselstube – alleine hätten wir das nie gefunden! Weil wir ein „Sonderangebot“ von PeruRail nutzen, kostet uns der Spaß am Samstag insgesamt „nur“ etwa 190 Euro pro Person. Ja, mit Machu Picchu wird wirklich eine Stange Geld gemacht… und es wäre, so hat es uns Ingrid erklärt, nochmal etwa 100 Dollar teurer geworden, wenn wir die Fahrt als Paket bei einer Agentur gebucht hätten. Wir bedanken uns ganz herzlich bei unserer Gastgeberin und wollen danach die Stadt näher erkunden – doch es regnet gerade heftig. Also tun wir das, was in so einem Fall angesagt ist: Wir besuchen ein Museum.

Plaza Regocijo mit dem Museum für zeitgenössische Kunst
Plaza Regocijo mit dem Museum für zeitgenössische Kunst

An der Plaza Regocijo, an der wir schon die Zugtickets gekauft haben, steht das Museum für zeitgenössische Kunst. Da wären wir sonst vielleicht nicht unbedingt reingegangen, aber die Stadt Cusco verkauft ein zehn Tage gültiges Sammelticket für insgesamt 16 verschiedene Museen und archäologische Stätten in der Stadt und in der näheren Umgebung. Das wollten wir uns ohnehin zulegen, also kaufen wir es gleich dort und erfreuen uns neben wirklich schönen Bildern, die moderne Maltechnik und traditionelle andine Motive verbinden, auch an der tollen Architektur mit einem sehr stilvollen Innenhof.

Maurisch anmutender Innenhof im Kunstmuseum
Maurisch anmutender Innenhof im Kunstmuseum

Weil es immer noch regnet, sitzen wir das schlechte Wetter mittags in einem Café aus. Als es allmählich trockner wird, setzen wir unseren Rundgang durch die Stadt fort. An Kirchen und Klöstern besteht in Cusco wirklich keinerlei Mangel. So haben die Dominikaner einige Blöcke hinter der Plaza de Armas auf einem riesigen Areal ihr Kloster mit angeschlossener Kirche errichtet; nach einem Erdbeben wurden auf diesem Gelände 1950 die Grundmauern des Inka-Heiligtums Qorikancha freigelegt, das dem Sonnengott geweiht war.

Dominikanerkloster und Inka-Heiligtum Qorikancha
Dominikanerkloster und Inka-Heiligtum Qorikancha

Die lange, elegante Avenida del Sol entlang laufend erreichen wir ein Monumentaldenkmal.

Großformatiges farbenprächtiges Wandgemälde an der Avenida del Sol
Großformatiges farbenprächtiges Wandgemälde an der Avenida del Sol

Auf einem Sockel, der selbst schon fünf, sechs Stockwerke hoch ist, in denen sich ein Museum befindet, steht seit 1992 die riesige Statue des Inka-Herrschers Pachacúteq Yupanqui, des „Weltenveränderers“. Er wird als einer der bedeutendsten Inkas, der die Hauptstadt Cusco ausbaute und erfolgreich gegen Feinde verteidigte, noch heute in hohen Ehren gehalten.

Monumentales Denkmal für Pachacúteq Yupanqui
Monumentales Denkmal für Pachacúteq Yupanqui

Gerade als wir wieder herauskommen, fängt es erneut zu regnen an. Deswegen fahren wir für 70 Centavos pro Person mit einem Bus zurück ins Zentrum. Dort lacht dann schnell wieder die Sonne und zaubert hinter dem prachtvollen Justizpalast einen wunderschönen Regenbogen an den Horizont – passend zur Stadtfahne Cuscos, die ebenfalls auf Pachacúteq Yupanqui zurückgeht.

Die Stadtfarben Cuscos spannen sich über den Justizpalast...
Die Stadtfarben Cuscos spannen sich über den Justizpalast…

So lernen wir noch einige weitere schöne Plätze in der Innenstadt kennen. Das zeichnet Cusco gegenüber anderen Städten in Peru aus: Hier gibt es nicht nur den einen zentralen Platz, sondern immer wieder stoßen wir auf nette Plazas, im Regelfall stets mit barocken Kirchen geschmückt. Das gilt für die Plaza San Francisco mit einem kleinen botanischen Garten und einem Blumenmarkt genauso wie einige hundert Meter weiter für die Plazoleta San Pedro, an die sich eine große Markthalle anschließt.

Die Plaza San Francisco ist eine der vielen schönen Ecken Cuscos
Die Plaza San Francisco ist eine der vielen schönen Ecken Cuscos

Nur die Temperaturen in Cusco sind, der Höhenlage geschuldet, etwas gewöhnungsbedürftig: Aufgrund des Regens war es heute ohnehin höchstens 17, 18 Grad warm; und als die Sonne untergeht, wird es ziemlich schnell ungemütlich kühl. Da fühlen wir uns erstmals ans heimatliche, herbstliche Deutschland erinnert…