Potosí.

Eigentlich wollte Jana ja am Donnerstagabend zum Friseur gehen – aber gerade als sie auf dem Weg war, fiel in ganz Sucre der Strom für eine Stunde aus, und danach war es zu spät. So versucht sie am Freitag nach dem Frühstück noch einmal ihr Glück, und diesmal klappt es. Danach packen wir unsere Sachen und verlassen das sehr angenehme Hostal „La Escondida“; hier hätten wir es durchaus noch länger ausgehalten! Unser Weg führt uns zuerst an den Busbahnhof von Sucre. Hier stürmen gleich nach dem Aussteigen aus dem Taxi einige Frauen auf uns zu: Es wird ein erbitterter Konkurrenzkampf um jeden Passagier ausgefochten, der nach Potosí fahren möchte. Wir lassen uns davon jedoch nicht beeinflussen und entscheiden selbst, mit welchem Unternehmen wir die gut dreieinhalb Stunden dauernde Fahrt durchs bolivianische Hochland antreten. Dabei passieren wir ein meist karges Bergland, durchqueren eine von Ackerbau geprägte Hochebene und erreichen schließlich den sehr modernen, am Stadtrand gelegenen Busbahnhof von Potosí.

Einsames Bergland im südlichen Bolivien
Einsames Bergland im südlichen Bolivien

Von hier bringt uns ein Taxi in die Innenstadt; wir haben für zwei Nächte ein Zimmer im Hostal „Le Ciel d’Eucalpytus“ reserviert. Das liegt nicht weit von allen wichtigen Sehenswürdigkeiten der Stadt entfernt, wie wir bei einer ersten kleinen Erkundung am späten Nachmittag feststellen. Doch so richtig wollen wir Potosís Altstadt, auch sie ist UNESCO-Weltkuturerbe, erst am nächsten Tag kennenlernen. Dazu müssen wir die von vielen alten Häusern mit großen Holzbalkonen gesäumte Calle Linares, in der wir wohnen, nur ein paar hundert Meter hinunterlaufen.

Kolonialzeitliche Fassaden prägen das Gesicht der Altstadt
Kolonialzeitliche Fassaden prägen das Gesicht der Altstadt

Bald sind wir an der zentralen Plaza 10 de Noviembre angekommen. Sie ist an allen Seiten von prächtigen kolonialen Bauwerken umgeben: Die doppeltürmige Kathedrale dominiert die Nordseite; außerdem sind hier Rathaus, Gerichtsgebäude und an der sich anschließenden, gerade im Umbau befindlichen Plaza 6 de Agosto das Gebäude der Zentralbank zu finden.

Kathedrale Nuestra Señora de La Paz
Kathedrale Nuestra Señora de La Paz
Gepflegte Plaza 10 de Noviembre
Gepflegte Plaza 10 de Noviembre
Nobel: Plaza 6 de Agosto mit der Zentralbank im Hintergrund
Nobel: Plaza 6 de Agosto mit der Zentralbank im Hintergrund

Tolle Barockkirchen gibt es in Potosí verteilt über die gesamte Stadt zu entdecken. Die Iglesia La Merced gefällt mit ihrem filigranen Glockenturm, während wir an der Iglesia San Lorenzo die detailreichen Steinmetzarbeiten der Fassade bewundern und mit der Iglesia San Francisco in einer netten Seitenstraße am ältesten Gotteshaus der Stadt vorbeischlendern.

Idyllisches Plätzchen vor der Kirche La Merced
Idyllisches Plätzchen vor der Kirche La Merced
Beeindruckend: Fassade der Kirche San Lorenzo
Beeindruckend: Fassade der Kirche San Lorenzo
Stimmungsvoll: Altstadtgasse mit Turm von San Francisco
Stimmungsvoll: Altstadtgasse mit Turm von San Francisco

Kein Wunder: Potosí galt im 16. und 17. Jahrhundert einmal als reichste Stadt der Welt. Sogar in Manuel de Cervantes´ weltbekannter Erzählung „Don Quijote“ taucht der Ort mit der Wendung „Vale un Potosí“ (in der Bedeutung: so wertvoll wie Potosí, also viel Geld, wert sein) auf. Ursache dieses sagenhaften Reichtums ist ein Berg, dessen pyramidenförmige Gestalt gleich hinter Potosí aufragt: der Cerro Rico (Reicher Berg), der aufgrund seiner schier unermesslichen Vorkommen an Silber, Blei, Wolfram, Kupfer, Zinn und Zink nun seit bald 500 Jahren von allen Seiten durchbohrt und umgewälzt wird.

Potosís Existenzgrundlage - der Cerro Rico
Potosís Existenzgrundlage – der Cerro Rico

Und das alles in einer äußerst unwirtlichen Natur: Der Cerro Rico ragt bis auf 4.800 Meter hinauf, Potosí selbst liegt auf etwa 4.070 Metern und gilt mit seinen 175.000 Einwohnern als höchstgelegene Großstadt der Welt. Wäre nicht die Gier nach Silber der spanischen Eroberer so groß gewesen, würden in dieser rauen Gegend wohl höchstens ein paar Hirten ihre Lamaherden durch die dürre Graslandschaft treiben. So aber arbeiten noch heute etwa 30.000 Bergleute unter katastrophalen Bedingungen, was Gesundheit und Sicherheit angeht, im Berg. Eine Bergwerkstour, bei der die Touristen von ehemaligen Bergarbeitern geführt werden und den Arbeitern zuvor auf dem speziell für deren Bedürfnisse eingerichteten Markt Dynamit und Alkohol als Mitbringsel kaufen, gehört zu den beliebtesten Fremdenverkehrsattraktionen der Stadt. Wir haben uns nach langem Überlegen allerdings dagegen entschieden, an so einer Minentour teilzunehmen. Wir fühlten uns nicht wirklich wohl bei dem Gedanken, den unter primitivsten Bedingungen arbeitenden Bergarbeitern wie Tieren im Zoo bei ihrem gefährlichen Handwerk zuzusehen.

Der Berg und seine Flanken werden seit Jahrhunderten nach Rohstoffen umgewühlt
Der Berg und seine Flanken werden seit Jahrhunderten nach Rohstoffen umgewühlt

Stattdessen besuchen wir nachmittags das größte Bauwerk der Stadt gleich neben der Plaza 10 de Noviembre – die Casa de la Moneda, eine von den Spaniern errichtete Münzprägestätte, in der das im Cerro Rico geschürfte Silber gleich zu Geld verarbeitet wurde.

Prächtige Fassade der Casa de la Moneda
Prächtige Fassade der Casa de la Moneda

Das im 16. Jahrhundert begonnene und im 18. Jahrhundert erheblich vergrößerte Bauwerk ist für sich genommen mit seinen 100 Räumen und mehreren Innenhöfen schon eine Attraktion – sein Wahrzeichen ist „El Mascarón“, eine Maske über einem Durchgang im Gebäude. Sie stammt aus dem 19. Jahrhundert und wird wahlweise als Darstellung des römischen Weingottes Bacchus oder als Indigener, der den abziehenden Spaniern hinterherlacht, interpretiert.

Innenhof mit dem Wahrzeichen El Mascarón
Innenhof mit dem Wahrzeichen El Mascarón

Bei einer Führung bekommen wir einen sehr anschaulichen Eindruck von der Größe und Bedeutung dieser ehemals königlichen Münzprägestätte, in der es auch repräsentative Säle mit Gemälden gibt, in denen sich europäische und indigene Kunstformen und religiöse Vorstellungen mischen. Beispielsweise wird die Gottesmutter mit ihrem Mantel grundsätzlich in Dreiecksform dargestellt und verschmilzt so mit dem Cerro Rico zur Pachamama, der Mutter Erde. Auch der dreieinige Gott der Christenheit bekommt Symbole der alten Religion beigefügt – Sonne und Mond verweisen auf die Götterwelt der Inka.

Christliche und indigene Einflüsse mischen sich in diesem Bild
Christliche und indigene Einflüsse mischen sich in diesem Bild

Der Vorgang des Münzprägens selbst war zu Kolonialzeiten mit einem für uns heute unvorstellbaren Ausmaß an körperlicher Arbeit verbunden, die meist unter Zwang von Indigenen und später auch von afrikanischen Sklaven geleistet wurde, die allerdings unter den extremen Bedingungen in dieser Höhenlage reihenweise starben.

Das Einschmelzen des Silbers war härteste körperliche Arbeit
Das Einschmelzen des Silbers war härteste körperliche Arbeit

Die Prägemaschinen, die im 18. Jahrhundert mit großem Aufwand aus Spanien angeliefert wurden, mussten von Maultieren angetrieben werden – für Pferde war Potosís Lage ebenfalls zu hoch.

Maultiere trieben die Prägemaschinen an
Maultiere trieben die Prägemaschinen an

Zwar war Potosí beileibe nicht der einzige Prägeort für Silbermünzen im spanischen Kolonialreich; es gab solche Stätten unter anderem auch in Mexiko, Kolumbien und Peru. Doch die hohe Reinheit des hiesigen Silbers machte die Münzen aus Potosí besonders wertvoll. Das Symbol für die Münzprägestätte – die übereinander gelegten Buchstaben P, T, S und I – erlangte eine derartige Bekanntheit, dass daraus in vereinfachter Form das heute weltweit bekannte Dollarzeichen $ entstand.

Beispiele für die in Potosí hergestellten Silbermünzen
Beispiele für die in Potosí hergestellten Silbermünzen

Auch nach dem Abzug der Spanier blieb die Münzprägestätte noch weit mehr als ein Jahrhundert lang in Betrieb. 1869 ersetzte man den Antrieb durch die Maultiere, die diese Arbeit meist nur wenige Monate aushielten, durch eine aus den USA eingeführte Dampfmaschinentechnik.

1869 ersetzten Dampfmaschinen die Maultiere
1869 ersetzten Dampfmaschinen die Maultiere

Im 20. Jahrhundert wurden dann nochmals andere, mit Strom betriebene Maschinen eingesetzt, ehe die Münzherstellung schließlich 1951 eingestellt wurde. Heute lässt Bolivien sein Geld im Ausland herstellen – „leider“, betont unser Guide, „die Regierung sagt, das sei billiger als die eigene Münzprägestätte weiter zu betreiben“. Was bleibt, ist ein eindrucksvoller Ort mit reicher Geschichte, der neben den Münzen auch zahlreiche wunderschöne Kunstgegenstände aus Silber zeigt, die die Umstände der Rohstoffgewinnung nicht mehr ahnen lassen.

Kunstvoller Flügelaltar aus Silber
Kunstvoller Flügelaltar aus Silber