Ushuaia.

Der Abreisetag in El Calafate beginnt genau genommen schon tief in der Nacht. Da ereilt Denise nämlich ein akuter Brechdurchfall, der sie bis zum Morgen bereits erheblich schwächt, sich jedoch im Laufe des Vormittags noch überhaupt nicht bessert. Nicht gerade hilfreich ist es da, dass das Hostel „Glacier Perito Moreno“ trotz unserer Bitte, dass Denise noch etwas länger im Bett liegen darf, darauf besteht, den Check-Out um zehn Uhr einzuhalten. Ansonsten würde eine erhebliche Zusatzgebühr fällig. So müssen wir zwei Stunden auf der Sitzgruppe an der Rezeption überbrücken – und schicken dann einen sehr unfreundlichen Taxifahrer, der uns zum Flughafen bringen sollte, weiter. Irgendwie passt das alles zu El Calafate: Übermäßiger Tourismus tötet die natürliche Gastfreundschaft… Die Fahrerin des nächsten Taxis, das uns einige Minuten später abholt, ist auch gerade kein Muster an Liebenswürdigkeit; immerhin hält sie aber während der 20 Kilometer langen Fahrt an, als Denise wieder schnell raus muss. Kann sie in diesem Zustand überhaupt fliegen? Am Flughafen gibt es einen Arzt; aber wenn wir den konsultieren, könnte es sein, dass er sie für nicht flugfähig erklärt. Also versuchen wir es so. Jana und ich stellen uns am Check-In-Schalter an, während Peter bei Denise bleibt. Das klappt schon mal: Der Angestellte der Fluggesellschaft „Aerolineas Argentinas“ gibt sich mit unserer Erklärung zufrieden, die beiden seien auf der Toilette, und stellt nach Vorlage der Pässe die Bordkarten aus. Mit der Begründung, dass Denise sich nicht gut fühlt, darf sie in Begleitung von Peter anschließend auch schneller durch den Sicherheitscheck und in die Gangway zum Flugzeug. Dort jedoch staut es sich: Die Fluggäste müssen noch warten, bis sie hineindürfen. Blass und erschöpft wie sie ist, setzt sich Denise auf den Boden. Das sieht eine Stewardess – und ruft den Arzt. Es kommt so wie befürchtet: Der Arzt diagnostiziert eine Dehydrierung, erklärt sie für nicht flugfähig und verabreicht ihr sofort eine Infusion. Jana und ich bekommen von alledem überhaupt nichts mit: Wir stehen viel weiter hinten in der Schlange und wundern uns, als wir an Bord der Boeing 737 gehen, dass Denise und Peter nicht auf ihren Sitzen sind. Wenige Minuten vor dem Abflug kommt plötzlich Peter an Bord und gibt uns Bescheid. Sie müssen erst einmal in El Calafate bleiben, allerdings nur mit ihrem Handgepäck – die großen Rucksäcke sind ja bereits an Bord. So treten wir also nur zu zweit den gut einstündigen Flug in die südlichste Stadt der Welt an: Ushuaia, die Hauptstadt der argentinischen Provinz Feuerland.

Patagonische Steppe von oben
Patagonische Steppe von oben

Ab und zu erlaubt eine Wolkenlücke beim Landeanflug mal einen Blick hinunter auf die Landschaft an der Südspitze Südamerikas – und was wir da sehen, ist grandios: Majestätische, verschneite Bergketten bis hin zum Meer, mit Ausnahme der Stadt Ushuaia unberührte Natur… Feuerland bietet ein unglaublich beeindruckendes Panorama.

Beeindruckende Landschaft beim Landeanflug auf Ushuaia
Beeindruckende Landschaft beim Landeanflug auf Ushuaia

Mit einem Taxi lassen wir uns zu unserer Unterkunft in einem Neubaugebiet am Stadtrand bringen – ein Apartment im Edificio del Valle, ein Gebäude, das Teil eines größeren Wohnkomplexes mit dem Namen „Complejo Ribera del Pipo“ ist; genau gesagt, einer von sechs gleich aussehenden vierstöckigen Blöcken. Hausnummern gibt es keine – da weiß selbst der Taxifahrer nicht, wo genau er uns rauslassen soll. Wir müssen uns durchfragen… und warten dann über eine halbe Stunde bei empfindlicher Kälte (in Ushuaia steigen die Temperaturen selbst im Hochsommer selten über 12° an!) vor dem Eingang, bis die Vermieterin endlich auftaucht. Ihre Entschuldigung: Sie hat mehrere Objekte zu betreuen, und alle Gäste kamen leider mit dem gleichen Flugzeug.

Hier wohnen wir: direkt am Río Pipo im linken Block, dem "Edificio del Valle"
Hier wohnen wir: direkt am Río Pipo im linken Block, dem „Edificio del Valle“

Einmal in der Wohnung, ist das Warten jedoch schnell vergessen. Hier ist alles brandneu und topmodern, hier kann man sich richtig wohlfühlen! Der Supermarkt ist gleich um die Ecke; dort finden wir alles, was wir brauchen, um uns selbst zu versorgen. Bleibt nur die Frage: Was ist mit Peter und Denise? Nach und nach klärt sich die Situation: Sie sind inzwischen im Krankenhaus von El Calafate. Denise hat weitere Infusionen bekommen, ihr geht es bereits besser. Peter kann die Nacht zusammen mit Denise im Krankenhaus verbringen. Und ihr Flug wurde auf morgen, 12.30 Uhr, umgebucht…

Einen Ausflug, zum Beispiel in den nahen Nationalpark, können wir also an diesem Donnerstag nicht unternehmen. Wir beschränken uns darauf, von unserer Wohnung aus die herrliche Berglandschaft rund um die Stadt zu bewundern. Anschließend sind wir glücklich, als Denise und Peter am frühen Nachmittag in unserem Apartment eintreffen und unsere Reisegruppe damit „wiedervereinigt“ ist. Und positiv überrascht, als wir hören, dass die gesamte Behandlung samt Hospitalaufenthalt völlig kostenlos war. Das ist laut Gesetz in allen öffentlichen Krankenhäusern des Landes so, auch für Ausländer – dicker Pluspunkt für Argentinien!

Blick auf die Berge aus unserer Wohnung
Blick auf die Berge aus unserer Wohnung

Denise bleibt an diesem Nachmittag daheim auf der Couch und ruht sich aus, während wir mit Peter per Bus in die Innenstadt fahren. Eine koloniale Altstadt hat Ushuaia (ausgesprochen wie „Uuswaja“, was in der Sprache der Yámana-Ureinwohner „nach Osten blickende Bucht“ bedeutet) nicht zu bieten: Erst 1884 wurde die zuvor von britischen Missionaren besuchte Gegend im Süden von Feuerland von den argentinischen Streitkräften eingenommen und mit der Besiedlung begonnen.

Ushuaia - zwischen Bergen und Meer
Ushuaia – zwischen Bergen und Meer

Maßgeblich vorangetrieben wurde die Erschließung der Region ausgerechnet durch den 1902 begonnenen Bau eines Gefängnisses: Schwerverbrecher und politische Gefangene wurden hier buchstäblich ans Ende der Welt gebracht. Sie wurden beispielsweise zum Bau einer Schmalspurbahn, heute eine beliebte Touristenattraktion, verpflichtet. Der „Presidio“ genannte Knast beherbergt heute mehrere Museen und zählt zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten der Stadt, die mittlerweile auf über 60.000 Einwohner angewachsen ist.

Früher ein Gefängnis, heute Museum: das Presidio
Früher ein Gefängnis, heute Museum: das Presidio

Zwei parallele Hauptachsen bilden die Schlagadern Ushuaias: Die mit zahlreichen Läden und Restaurants gespickte Geschäftsstraße Avenida San Martín, in der der schlanke Turm der Pfarrkirche „Nuestra Señora de la Merced“ einen eleganten Akzent setzt, ist die eher kleinstädtische Flaniermeile der Stadt.

Ushuaias Hauptgeschäftsstraße Avenida San Martín
Ushuaias Hauptgeschäftsstraße Avenida San Martín

Maritimen Flair besitzt dagegen die Avenida Maipú mit den beiden auffälligen Gebäuden der Provinzregierung; das ältere direkt an der Straße beherbergt inzwischen ebenfalls ein Museum. Die Straße führt am Hafen entlang – er liegt direkt am Beagle-Kanal, der Feuerland von den noch weiter südlich gelegenen Inseln, insbesondere der größten Nachbarinsel Navarino, trennt, die alle zu Chile gehören – bis hinunter zur Isla Hornos, deren Südspitze das legendenumrankte Kap Hoorn bildet.

Blickfang an der Avenida Maipú: die Gebäude der Provinzregierung
Blickfang an der Avenida Maipú: die Gebäude der Provinzregierung

Die als Fotomotiv äußerst beliebte Holztafel mit der Aufschrift „Ushuaia – Fin del Mundo“ (Ende der Welt) ist deswegen auch relativ: Der größte Ort auf Navarino, Puerto Williams, liegt noch etwas weiter südlich, hat aber nach chilenischem Recht nur den Status eines Dorfes. Auf der Nordhalbkugel kann man allerdings wesentlich näher am Pol noch wohnen: Wenn Denise und Peter in ein paar Tagen nach Örebro in Schweden zurückkehren, sind sie wesentlich näher am Nordpol als jetzt am Südpol…

Am "Ende der Welt": hinter uns der Beagle-Kanal
Am „Ende der Welt“: hinter uns der Beagle-Kanal

Der Dreikönigstag ist in Argentinien kein Feiertag – das Tourangebot ist entsprechend breit gefächert. Nur die von uns favorisierte Fahrt mit Landgang auf die Isla Martillo ist leider schon ausgebucht, weil sie auf 20 Personen beschränkt ist. Kein Beinbruch: Wir entscheiden uns stattdessen für eine alternative fünfeinhalbstündige Bootstour durch den Beagle-Kanal.

Mit der "Ushuaia Explorer" schippern wir durch den Beagle-Kanal
Mit der „Ushuaia Explorer“ schippern wir durch den Beagle-Kanal

Sie startet morgens um neun Uhr. Vom Meer aus erfreuen wir uns zunächst an der fantastischen Lage Ushuaias am Fuße der Cordillera Darwin, des südlichsten Höhenzuges der Anden.

Wild und schön: die Berge hinter Ushuaia
Wild und schön: die Berge hinter Ushuaia

Schon bald hält die „Ushuaia Explorer“ vor einem kleinen Felseneiland, der Isla de los Pajaros, an – hier lebt eine große Kormoran-Kolonie, die sich von den vielen Fischen ernährt, die in dem zwischen drei bis neun Grad kalten Meerwasser leben.

Zahllose Kormorane auf der kleinen Isla de los Pajaros
Zahllose Kormorane auf der kleinen Isla de los Pajaros
Kormoran-Insel mit dem 1.326 Meter hohen Monte Olivia im Hintergrund
Kormoran-Insel mit dem 1.326 Meter hohen Monte Olivia im Hintergrund

Einige Kilometer weiter östlich kommen wir am Leuchtturm „Les Éclaireurs“ vorbei. Das 1920 in Betrieb genommene, heute mit Solarenergie betriebene Leuchtfeuer auf einem kleinen Felsenriff weist Schiffen den Weg durch den hier schmaler werdenden Beagle-Kanal und hat sich über die Jahrzehnte zu einem Wahrzeichen Ushuaias entwickelt.

Der Leuchtturm Les Éclaireurs...
Der Leuchtturm Les Éclaireurs…
...ist ein Wahrzeichen Ushuaias
…ist ein Wahrzeichen Ushuaias

Zudem treffen wir hier auf eine kleine Seelöwenkolonie, die sich auf den rauen Steinen des Eilandes von den Anstrengungen der Fischjagd ausruht.

Seelöwen bevölkern den Beagle-Kanal
Seelöwen bevölkern den Beagle-Kanal

Die Fahrt geht weiter in Richtung Osten. Auf beiden Seiten des Meeresarmes ragen schneeüberzuckerte Berge in den Himmel – am linken Ufer gehören sie zu Argentinien, rechts, im Süden, zu Chile. Dort sehen wir nach einiger Zeit Puerto Williams, den als Militärstützpunkt gegründeten Ort auf Navarino, der inzwischen auf knapp 2.000 Einwohner angewachsen ist.

Noch südlicher als Ushuaia: der chilenische Hafenort Puerto Williams auf Navarino
Noch südlicher als Ushuaia: der chilenische Hafenort Puerto Williams auf Navarino

Danach dauert es nochmals einige Zeit, ehe wir das eigentliche Ziel der Fahrt erreicht haben: die 32 Hektar große, nach lange währenden Grenzstreitigkeiten inzwischen definitiv Argentinien zugehörige unbewohnte Isla Martillo. Aussteigen dürfen wir auf dem kleinen, grasbewachsenen Inselchen zwar nicht; doch unser Kapitän legt das Schiff so gekonnt an dem Kiesstrand an, dass es überhaupt kein Problem ist, die zahlreichen hier lebenden Magellan-Pinguine (ihre Artgenossen haben wir ja schon auf der chilenischen Isla Magdalena kennengelernt) bei ihren tapsigen Land- und gekonnten Tauchgängen zu beobachten.

Die Isla Martillo...
Die Isla Martillo…
Die Isla Martillo gehört den Pinguinen
…gehört den Pinguinen

Zum Glück spielt auch das Wetter mit und beschert uns Sonnenschein. Und wir haben noch mehr Glück: Auf der Insel sind auch noch zwei weitere Pinguinarten zu entdecken. Zum einen sind das die Eselspinguine mit orangeroten Schnäbeln und Füßen, und dann sehen wir auch noch zwei seltene Gäste: Königspinguine! Die Art ist zwar weltweit recht zahlreich vertreten, auf Feuerland gibt es aber nur eine kleine Kolonie von etwa 40 Tieren. Zwei von ihnen hier zu sehen, ist alles andere als selbstverständlich!

Drei Pinguinarten auf einer Insel: Königspinguine...
Drei Pinguinarten auf einer Insel: Königspinguine (links), Magellan-Pinguine…
...und Eselspinguine
…und Eselspinguine

So lassen wir uns gut gelaunt zurück nach Ushuaia schaukeln. Nach mehreren Tagen Selbstverpflegung leisten wir uns heute zu viert und mit einer einigermaßen wiederhergestellten Denise mal wieder einen Restaurantbesuch – und machen wieder alles richtig: Jana verbindet ihr Handy – was sie eher selten tut – im Lokal mit dem WLAN und erhält eine WhatsApp-Nachricht von einer deutschsprachigen Reiseführerin namens Elizabeth: Sie möchte uns treffen. Wir schreiben ihr, wo wir gerade sind, und wenig später kommt sie vorbei – mit einer kleinen, großen Überraschung in der Handtasche: eine in ein Geschenkpapier verpackte Botschaft von Janas Eltern!

Überraschungsbesuch von Reiseführerin Elizabeth
Überraschungsbesuch von Reiseführerin Elizabeth

Sie waren im November 2015 hier in Ushuaia, wussten damals bereits, dass wir auf große Südamerika-Tour gehen wollten und hinterlegten bei Elizabeth, die damals drei Tage lang Tourguide für Margitta und Jörg war, zu treuen Händen einen kleinen, uralten Teddy – schon Janas Mutter hatte mit ihm gespielt, Jana kennt ihn seit ihrer Kindheit und hat nun den Auftrag, „Opa“ (so heißt der betagte Bär schon von jeher) vom Ende der Welt wieder in die Heimat mitzubringen. Auf dem weiteren Weg durch Südamerika soll Opa uns Glück bringen – eine tolle Idee! Wir werden gut auf ihn aufpassen!

Teddy "Opa" begleitet uns ab sofort durch Südamerika
Teddy „Opa“ begleitet uns ab sofort durch Südamerika