Puerto Varas.

Das Wetter in Chiles „kleinem Süden“ ist unbeständig; die vom Pazifik fortwährend von Westen angetriebenen Wolken und die hoch aufragende Andenkette im Osten führen dazu, dass es in der Seenregion häufig regnet und die beeindruckende Landschaft sich in dichte Wolken hüllt. Wir haben dem Tipp unserer Gastgeberin Erika vertraut und unseren Ausflug in Richtung des Wahrzeichens der Region, den auch als „Chiles Fuji“ bezeichneten Vulkan Osorno, auf den Mittwoch gelegt. Eine goldrichtige Entscheidung, wie sich im Verlaufe des Tages zeigen wird, denn als wir Puerto Varas am späten Vormittag verlassen, ist die Bewölkung bereits aufgelockert; über den See hinweg können wir im Gegensatz zu den letzten Tagen die perfekt geformte, schneebedeckte Spitze des Osorno erkennen. Allerdings ist der Vulkan auf halber Höhe noch von einem Wolkenband umgeben.

Der Berg zeigt sich! Blick von Puerto Varas auf den Osorno
Der Berg zeigt sich! Blick von Puerto Varas auf den Osorno

Weil wir die einzigen Tourteilnehmer sind, die erst in Puerto Varas einsteigen – die Fahrt hat in Puerto Montt begonnen -, dürfen wir vorne neben dem Fahrer des Kleinbusses Platz nehmen und haben so beste Sicht auf die wunderbar grüne Hügellandschaft, die wir am Südufer des Lago Llanquihue passieren. Den ersten Halt legen wir an der Laguna La Poza ein: ein kleiner See gleich neben dem großen, die durch einen ruhigen, von dichtem Buschland überwucherten Bachlauf miteinander verbunden sind.

Dschungelartige Vegetation an der Laguna La Poza
Dschungelartige Vegetation an der Laguna La Poza

Mit einem Motorboot fahren wir auf die Lagune: ein naturbelassenes Idyll mit Schilf, Wasserpflanzen, vielen Vögeln und einer kleinen Insel, der die ersten Siedler den lyrischen Namen „Loreley“ gegeben haben.

Ein Refugium der Ruhe...
Ein Refugium der Ruhe:
...an der Laguna La Poza
Die Laguna La Poza…
Fischreiher auf Beobachtungsposten
Reiher auf Beobachtungsposten

Doch der Abstecher zur Lagune ist nur der Auftakt für weitere, noch wesentlich spektakulärere Naturschönheiten, die wir im Verlaufe dieses Tagesausflugs kennenlernen sollen. Er führt uns hinein in den Nationalpark „Vicente Pérez Rosales“ und auf einer Stichstraße über zahlreiche Kehren hinauf zum Osorno. Der 2.652 Meter hohe Vulkan, der zuletzt 1869 ausgebrochen ist, kann bis etwa zur halben Höhe mit dem Auto befahren werden. Dort befindet sich die Talstation eines Skigebiets; der unterste Sessellift ist aber auch im Sommer in Betrieb, um gehunwillige Touristen für gutes Geld einige hundert Meter bergauf zu befördern.

Wir nähern uns der schneebedeckten Kuppe des Osorno
Wir nähern uns der schneebedeckten Kuppe des Osorno

Wir und alle anderen Mitfahrer unseres Kleinbusses ziehen es jedoch vor, den Pfad zum Crater Rojo, einem kleinen Nebenkrater, zu Fuß zurückzulegen – der Blick hinunter zum tiefblauen Llanquihue-See ist herrlich, zudem bietet sich von hier ein wunderbares, weites Panorama über die faszinierende Bergwelt der Umgebung.

Der Wanderpfad führt durch das Lavafeld
Der Wanderpfad führt durch das Lavafeld
Spiegelt das Blau des Himmes: der Lago Llanquihue
Spiegelt das Blau des Himmels: der Lago Llanquihue

Allmählich lüftet auch der benachbarte 2.003 Meter hohe Calbuco, der erst 2015 einen massiven Ausbruch hatte, seinen Schleier, und ganz im Osten an der Grenze zu Argentinien fasziniert der gewaltige, 3.470 Meter aufragende Tronador mit seiner mächtigen Eiskappe und einem neckischen Wolkenhäubchen.

Auch der Calbuco lüftet allmählich seinen Schleier
Auch der Calbuco lüftet allmählich seinen Schleier
Imposantes Bergmassiv an der Grenze zu Argentinien: der Tronador
Imposantes Bergmassiv an der Grenze zu Argentinien: der Tronador

Und schließlich belohnt uns auch der Osorno für unsere Geduld: Die letzten Wolkenschwaden verschwinden, beim Abstieg zum Parkplatz bietet sich erstmals völlig freie Sicht auf den zauberhaften Vulkankegel.

Es ist soweit: freie Sicht auf den Osorno!
Es ist soweit: freie Sicht auf den Osorno!

Besser hätte das Timing kaum sein können: Einige Kilometer weiter muss sich der Río Petrohué, der aus dem Lago Todos los Santos in Richtung Lago Llanquihue fließt, einen Weg durch Lavaströme bahnen, die einstige Ausbrüche des Osorno hinterlassen haben. Die imposanten Stromschnellen sind an sich schon eine bemerkenswerte Sehenswürdigkeit; zusammen mit dem im Hintergrund aufragenden Osorno bieten sie nun aber einen Anblick von perfekter Schönheit.

Wild tost der Río Petrohué um die Lavabrocken…
Wild tost der Río Petrohué um die Lavabrocken…
...die der nahe Osorno hinterlassen hat
…die der nahe Osorno ausgespuckt hat

Den Abschluss dieses tollen Tages bildet ein kleiner Bootstrip über den Lago Todos los Santos. Der „Allerheiligensee“, der diesen Namen dem Tag seiner Entdeckung durch jesuitische Missionare am 1. November 1670 verdankt, bedeckt eine Fläche von gut 178 Quadratkilometern und zeichnet sich durch seine traumhafte Lage inmitten der ringsum aufragenden Vulkane aus.

Per Boot erkunden wir den Lago Todos los Santos
Per Boot erkunden wir den Lago Todos los Santos
Der Puntiagudo lugt auf den See herab
Der Puntiagudo lugt auf den See herab
Friedlicher Sommerabend über dem See...
Friedlicher Sommerabend über dem See…

Seine Abgeschiedenheit – die Straße endet an den paar Häusern, die den Ort Petrohué bilden; die wenigen Siedler am See können ihre Häuser nur per Boot erreichen, ebenso kann man mit der Fähre ans Ostufer übersetzen und von dort weiter Richtung Argentinien fahren – hat das Gewässer fast frei von Schadstoffen gehalten; es gilt heute als bestes Anglerrevier Chiles. Zum Fischefangen sind wir nicht hierher gekommen, wir genießen die herrliche Natur und beobachten nebenbei, wie sich um den Osorno bereits wieder Wolken versammeln.

Um den Osorno zieht's schon wieder zu...
Um den Osorno zieht’s schon wieder zu…

Sie künden die nächste Schlechtwetterfront an, die im Laufe des Donnerstags über uns hinwegzieht. Das tangiert uns heute nicht allzusehr; wir sind mit dem Minibus in die nahe Großstadt Puerto Montt gefahren. Allzu viel Sehenswertes hat die am Reloncaví-Sund gelegene Hafenstadt, die inzwischen fast 240.000 Einwohner zählt, zwar nicht zu bieten. In erster Linie sind wir jedoch ohnehin hierher gekommen, um uns nach einer neuen Kamera umzusehen. Unsere gute „Olympus“ hat vor zwei Wochen am Cerro Torre ihr letztes Bild gemacht – seitdem lässt sich der Zoom nicht mehr ausfahren; wahrscheinlich ist Sand in den Mechanismus geraten. Alle Versuche, sie wieder in Gang zu bringen, sind erfolglos geblieben. Und unsere kleine Videokamera, mit der wir seither fotografieren, bietet nicht annähernd vergleichbare Möglichkeiten und ist wesentlich unhandlicher in der Bedienung – also keine Dauerlösung. Doch die Suche nach einem passenden neuen Gerät ist schwierig. Die Auswahl ist begrenzt, das Angebot entweder zu teuer, zu unhandlich oder zu limitiert. Erst als wir bereits wieder Richtung Busbahnhof gehen, werden wir im letzten Fachgeschäft, an dem wir vorbeilaufen, doch noch fündig.

Meerseite von Puerto Montt am Reloncaví-Sund
Meerseite von Puerto Montt am Reloncaví-Sund
Puerto Montts 1892 geweihte Pfarrkirche Nuestra Señora del Carmen ist mittlerweile Bischofssitz
Puerto Montts 1892 geweihte Pfarrkirche Nuestra Señora del Carmen ist mittlerweile Bischofssitz

Erleichtert fahren wir direkt weiter nach Frutillar – in der dortigen lutheranischen Kirche findet ja heute Abend das Orgelkonzert statt, zu dem uns die Organistin Christine Gevert vorgestern persönlich eingeladen hat! Eine Stunde lang können wir verschiedenen Orgelkompositionen aus dem deutschen Barock lauschen, angefangen mit einem Stück von Johann Sebastian Bach. Um den chilenischen Zuhörern einen Eindruck von dem reichen Musikerbe aus jener Epoche zu vermitteln, trägt die Musikerin danach auch Werke verschiedener anderer Komponisten vor – was uns die Gelegenheit gibt, erstmals den Namen und ein Stück von Christian Erbach (1568 – 1635) zu hören: ein zwar in Mainz geborener, aber in Augsburg lebender Kirchenmusiker, der dort zunächst in Diensten der Familie Fugger stand und später als Stadt- und Domorganist wirkte. Leider können wir das Ende des Konzerts nicht abwarten; der letzte Minibus zurück nach Puerto Varas fährt um neun Uhr, den dürfen wir nicht verpassen…

In Frutillars evangelischer Kirche...
In Frutillars evangelischer Kirche…
...lauschen wir den Orgelkünsten von Christine Gevert
…lauschen wir den Orgelkünsten von Christine Gevert