Buenos Aires.

Wir waren zwar schon tags zuvor ziemlich lange im Zentrum von Buenos Aires unterwegs. Gesehen haben wir dort aber bei Weitem noch nicht alles; deswegen starten wir unsere Besichtigungen am Freitag erneut in der Stadtmitte, und zwar am Palacio de Aguas Corrientes, dem palastartigen Wasserpumpwerk, das die argentinische Hauptstadt zwischen 1877 und 1894 hat errichten lassen. Ein wahrlich beeindruckender Prunkbau, der heute neben Büros und einem Archiv der Wasserversorgungsgesellschaft  auch ein geschichtliches Museum beherbergt.

Kein gewöhnliches Wasserwerk: der Palacio de Aguas Corrientes
Kein gewöhnliches Wasserwerk: der Palacio de Aguas Corrientes

Einige hundert Meter weiter, gar nicht weit vom Obelisken entfernt, kommen wir am Teatro Colón vorbei – einem der größten und prächtigsten Opernhäuser der Welt. Der 1908 eröffnete Musentempel bietet Platz für 3.500 Besucher und sah in seiner glanzvollen Geschichte Gastspiele zahlreicher Weltstars: Maria Callas und Enrico Caruso ließen ihre Stimmen erklingen, Legenden wie Leonard Bernstein oder Arturo Toscanini standen am Dirigentenpult.

Monumentaler Opernbau: das Teatro Colón
Monumentaler Opernbau: das Teatro Colón

Schräg gegenüber, auf der anderen Seite der großen Plaza Lavalle, steht mit dem Justizpalast ein weiterer monumentaler Bau. Auch der Corte Suprema de Justicia de la Nación, der Oberste Gerichtshof Argentiniens, geht auf das frühe 20. Jahrhundert zurück.

Argentiniens oberster Gerichtshof tagt hinter einer prächtigen Fassade
Argentiniens oberster Gerichtshof tagt hinter einer prächtigen Fassade

In der Nähe der Plaza de Mayo besuchen wir die Manzana de las Luces. Dabei handelt es sich um einen ganzen Häuserblock, der als Niederlassung der Jesuiten in Buenos Aires auf das späte 17. Jahrhundert zurückgeht. Zu dieser Zeit bot der Orden die einzige Möglichkeit in der Stadt zu einer Ausbildung in den klassischen Wissenschaften. Der stilvolle Innenhof bietet heute Zugang zu Museen und beherbergt Cafés, die eine Oase der Ruhe mitten in der Millionenstadt bilden.

Ruhiger Innenhof der Manzana de las Luces
Ruhiger Innenhof der Manzana de las Luces

Doch die argentinische Kapitale besteht nicht nur aus dem Microcentro. Das wohl bekannteste der zahlreichen Stadtviertel ist das im Südosten gelegene La Boca – dorthin fahren keine U-Bahnen, weswegen wir uns durchfragen müssen, mit welchem Bus wir aus der Stadtmitte dorthin gelangen können. Der erste Anlaufpunkt ist, hat man den richtigen Weg einmal gefunden, schon von Weitem durch seine Größe und auffällige Farbe unübersehbar: das Estadio Alberto Jacinto Armando, das in ganz Argentinien jedoch nur unter seinem Spitznamen La Bombonera bekannt ist.

Argentiniens stimmungsvollstes Fußballstadion: La Bombonera
Argentiniens stimmungsvollstes Fußballstadion: La Bombonera

Ein Fußballstadion, jedoch kein x-beliebiges: Hier trägt der Club Atlético Boca Juniors seine Heimspiele aus, der Verein mit der größten und wohl fanatischsten Anhängerschaft im gesamten Land. Nach einer Untersuchung bekennen sich 40 Prozent aller fußballinteressierten Argentinier zu diesem Verein, 33 Prozent dagegen zum verhassten Stadtrivalen River Plate; alle anderen Vereine des Landes müssen mit Unterstützerzahlen im einstelligen Prozentbereich auskommen. Treffen die beiden größten Hauptstadtvereine im Derby (Superclásico genannt) aufeinander, befindet sich ganz Argentinien im Ausnahmezustand – wir haben das selbst erlebt, als wir in Córdoba waren. Die Stadt war wie ausgestorben, alles saß vor dem Fernseher und fieberte mit…

Willkommen bei den Boca Juniors...
Willkommen bei den Boca Juniors

Eine Stadiontour mit angeschlossenem Besuch des Vereinsmuseums bringt uns die Geschichte der Boca Juniors näher. Das moderne, wenn auch relativ kleine Museum illustriert die zahlreichen Vereinserfolge – neben 26 argentinischen Meistertiteln stehen unter anderem auch der sechsmalige Gewinn der Copa Libertadores (der europäischen Champions League vergleichbar) und drei Weltpokal-Titel zu Buche – und informiert über Vereinsgründung, Traditionen und große Spieler der Vergangenheit.

Einige Trophäen sind im Vereinsmuseum ausgestellt
Einige Trophäen sind im Vereinsmuseum ausgestellt

Begonnen hat die Vereinsgeschichte im Jahre 1905: Fünf junge Männer aus dem von italienischen Einwanderern geprägten Hafenviertel La Boca gründeten damals einen Fußballclub. Wie der schon länger bestehende Stadtrivale River Plate beanspruchten auch die Boca Juniors die Vereinsfarben Rot und Weiß. Es kam zu einem Entscheidungsspiel um das Recht: Das noch unerfahrene Team aus dem Armenviertel verlor und brauchte nun andere Farben. Was tun? Man beschloss, zum Hafen zu gehen. Die Flagge des ersten Schiffes, das zu sehen sein würde, sollte für die Newcomer Pate stehen. Es war – ein schwedisches! Und so kam es, dass die Boca Juniors bis heute in blau-gelben Trikots antreten…

Die schwedische Flagge lieferte die Vorlage: Bocas blau-gelbe Trikots
Die schwedische Flagge lieferte die Vorlage: Bocas blau-gelbe Trikots

Und nicht nur das: Das gesamte Stadion ist außen wie innen in den beiden Farben angestrichen, und selbst die Läden und Kneipen ringsum – La Bombonera (deutsch: Pralinenschachtel) liegt mitten in der Stadt – sind komplett in Blau und Gelb gehalten. Wahrscheinlich muss das auch so sein, sonst würden die Kunden ausbleiben!

Ganze Straßenzüge rund ums Stadion...
Ganze Straßenzüge rund ums Stadion…
...leuchten in blau-gelb
…leuchten in Blau-Gelb

Beim Rundgang durch das 57.000 Zuschauer fassende Stadion fragt uns das selbstverständlich in den Vereinsfarben gekleidete junge Mädchen, das für die Führung zuständig ist, nach unseren Lieblingsvereinen. Dass die argentinischen Gäste mit „Boca Juniors“ antworten, ist ja klar. Uns Ausländern ist natürlich ein anderer Club gestattet… und ich bin wieder mal überrascht, dass mein krisengeplagter TSV 1860 München auch in diesem Kreis nicht unbekannt ist: Zwei Belgier, die ebenfalls an der Führung teilnehmen, jubeln spontan auf und zeigen mir auf ihrem Smartphone Bilder – sie haben vergangenes Jahr ein Löwen-Heimspiel besucht!

Blick auf die Fankurve...
Blick auf die Fankurve…
...und auf die Haupttribüne
…und auf die Haupttribüne

Hüpfen auf der Stehtribüne wie die Hardcore-Fans, der „Gooooool!“-Schrei, um die fantastische Akustik des Stadions nachzuempfinden – einige Gags gehören natürlich zu der Führung dazu; außerdem die Information, dass die Gästeanhänger auf der am weitesten vom Spielfeld entfernten, im Sommer von der Sonne versengten und im Winter vom kalten Wind durchpusteten Tribüne untergebracht werden. Einer hat es viel, viel besser – er muss als Einziger niemals Eintritt zahlen und hat lebenslang seine eigene Loge. Die er derzeit allerdings nur selten nutzt; er ist mittlerweile als Trainer in Dubai tätig… Die Rede ist von Fußballgott Diego Armando Maradona, dem größten der zahlreichen Vereinsidole.

Ehrenloge für Bocas größten Fußballer aller Zeiten - Maradona
Ehrenloge für Bocas größten Fußballer aller Zeiten – Maradona

Vom Stadion sind es nur wenige hundert Meter Fußweg bis ins touristische Herz von La Boca – das Strässchen Caminito und Umgebung. In buntesten Farben bemalte Wellblechhäuser, deren Baumaterial häufig von abgewrackten Schiffen stammt, sorgen für ein ganz besonderes, heiteres Flair.

Fröhlich-buntes Flair...
Fröhlich-buntes Flair…
...in den Straßenzügen rund um Caminito
…in den Straßenzügen rund um Caminito

Was heute zu den bedeutendsten Attraktionen der Stadt zählt, begann Ende des 19. Jahrhunderts als schäbiges Arbeiterviertel, in dem sich vor allem Einwanderer aus der italienischen Hafenstadt Genua niederließen.

Selbst die Hafenpromenade ist knallbunt gepflastert
Selbst die Hafenpromenade ist knallbunt gepflastert

Ein sozialer Brennpunkt, in dem es immer wieder Unruhen gab – einmal erklärte sich La Boca sogar zu einem von Argentinien unabhängigen Staat! Und natürlich auch eine der Geburtsstätten des Tango…

Tangoposen für Touristen sind Teil von La Boca
Tangoposen für Touristen sind Teil von La Boca

Einen ganz anderen Stadtteil lernen wir am Samstag kennen – Palermo. Auch sein Name zeugt von dem starken italienischen Einfluss, der Buenos Aires durchzieht. Die Einwanderungsgeschichte verlief hier aber etwas anders: Zahlreiche Kolonisten aus aller Herren Länder sorgten schon früh für ein buntes Gemisch der Kulturen. Entsprechend sind auch die Plätze und Parks des Stadtteils international geprägt. Neben einer Plaza Italia und einer Plaza Holanda gibt es hier unter anderem auch eine Plaza Alemania: Sie ist als gepflegter Park gestaltet, der einen nicht in Betrieb befindlichen prunkvollen Brunnen umgibt. Ihn stifteten deutsche Einwanderer dem argentinischen Staat aus Anlass des hundertsten Jahrestags der Unabhängigkeitserklärung im Jahre 1910.

Von deutschen Einwanderern der neuen Heimat gewidmet...
Von deutschen Einwanderern der neuen Heimat gewidmet…

Gleich daneben befindet sich eine wahre Oase der Ruhe – der Japanische Garten, 1967 von der Japanisch-Argentinischen Kulturstiftung angelegt und im Beisein des damaligen japanischen Kaiserpaars eröffnet. Fernöstliche Botanik und Gartenarchitektur üben auf zahlreiche Porteños (die Bezeichnung für die Einwohner der Hauptstadt kann etwa mit „Hafenstädter“ übersetzt werden) eine enorme Anziehungskraft aus, wie die zahlreichen Besucher an diesem schwülwarmen Nachmittag beweisen.

Formvollendete Harmonie...
Formvollendete Harmonie…
...im Japanischen Garten...
…im Japanischen Garten
...von Buenos Aires
…von Buenos Aires

Ein überdimensionales Denkmal mitten auf der vielspurigen Avenida de los Libertadores zieht unsere Aufmerksamkeit auf sich: Das Monumento de los Españoles ist ebenfalls eine Stiftung zur 100jährigen Wiederkehr der argentinischen Unabhängigkeit, jedoch von der spanischen Gemeinde. Ja, auch die spanischstämmigen Argentinier feiern die Loslösung vom Mutterland… Mit der Errichtung des gewaltigen Gebildes ist eine Tragödie verknüpft: Das Passagierschiff Príncipe de Asturias, mit dem der zum Bau vorgesehene Carrara-Marmor nach Buenos Aires gebracht werden sollte, sank 1916 auf dem Atlantik und riss 445 Menschen mit in den Tod.

Imposantes Monumento de los Españoles
Imposantes Monumento de los Españoles

Kleinbürgerlich, gemütlich und noch mit einer Reihe von historischen Fassaden durchsetzt bietet sich der alte Teil von Palermo bei einem kleinen Rundgang dar. Ein nettes, eher kleinstädtisch anmutendes Stadtviertel, in dem man es durchaus länger aushalten könnte; wir haben aber heute Abend noch etwas vor…

Historische Fassaden...
Historische Fassaden…
...und lebendige Marktatmosphäre in Palermo
…und lebendige Marktatmosphäre in Palermo

Frisch geduscht machen wir uns bei allmählich einsetzendem Regen von unserer Wohnung auf zur nahen U-Bahn-Station Las Heras – einer sehr modernen Haltestelle der Subte; die Linie H besteht wohl auch erst seit kurzer Zeit. Doch begonnen hat der unterirdische Verkehr in Buenos Aires bereits vor mehr als hundert Jahren. Einige Stationen, zum Beispiel die Perú, zeigen immer noch die Stilelemente jener Epoche kurz nach der letzten Jahrhundertwende.

Buenos Aires' U-Bahn Subte zwischen Tradition...
Buenos Aires‘ U-Bahn Subte zwischen Tradition…
...und Moderne
…und Moderne

Leider ist die Bausubstanz vieler altehrwürdiger U-Bahnhöfe stark renovierungsbedürftig. Das merken wir, als wir bei Medrano aussteigen: Während unserer Fahrt hat sich der Regen zu einem Wolkenbruch gesteigert, und nun laufen ganze Sturzbäche die Treppen zur Metro herunter. Kein Wunder, wenn das Wasser aus Wandritzen dringt… und oben angekommen, sehen wir sogar überschwemmte Straßen, denn die Kanalisation kann die Wassermengen gar nicht aufnehmen.

Nach dem Hochwasser: Lachen in der U-Bahn - und nicht nur dort...
Nach dem Hochwasser: Lachen in der U-Bahn – und nicht nur dort…

Es regnet immer noch: Schnell hasten wir zum nahen Tangolokal We are Tango, in dem wir eine Tangoshow mit Abendessen gebucht haben. Dort angekommen, steht schon der Chef an der Eingangstür, wedelt mit den Armen und sagt: „No, no!“ In unsere Gesichter steht sichtlich ein Fragezeichen geschrieben. Er klärt uns über das Desaster auf: Der heftige Regen ist durch das Dach gedrungen und hat das im Obergeschoss gelegene kleine Lokal nicht nur unter Wasser gesetzt, schlimmer noch: Der Strom ist ausgefallen! Das heißt: heute keine Vorstellung! Er könnte uns ersatzweise Tickets für Dienstag anbieten… was uns leider wenig hilft, denn morgen werden wir Buenos Aires bereits verlassen. Dann gibt es eben das Geld zurück – tja,  was will man gegen die Launen der Natur und die nicht gerade wetterfeste Bauweise schon ausrichten? Wir gönnen uns zum Trost und zum Abschied wenigstens noch ein gutes Abendessen.