Tacuarembó.

Am Samstag verlassen wir das bunte Pampastädtchen San Gregorio de Polanco wieder, um uns neuen Zielen zuzuwenden: Über gut ausgebaute Straßen führt uns der Weg weiter in den Norden Uruguays. Nicht viel mehr als eineinhalb Stunden brauchen wir in die Departementshauptstadt Tacuarembó. Die zu Beginn allenfalls sanftwellige Landschaft ändert sich im Verlaufe der Fahrt merklich: Die Erhebungen werden deutlicher, und Tafelberge prägen die Gestalt der Region. Als gebirgig kann man die Gegend trotzdem nicht bezeichnen – die Hügelkette Cuchilla de Haedo übersteigt selten Höhen von 350 Metern.

Im Norden Uruguays bestimmen Tafelberge die Silhouette
Im Norden Uruguays bestimmen Tafelberge die Silhouette

Ihr markantester Gipfel, der auch im Wappen der Provinz erscheint, kommt nicht einmal über 224 Meter hinaus: Der Cerro Batoví, dessen aus der Guaraní-Sprache stammende Bezeichnung Brust der Jungfrau bedeutet und auf seine markante Form hinweist, befindet sich etwa 25 Kilometer südlich der Stadt.

Der Cerro Batoví ist das Wahrzeichen des Departements Tacuarembó
Der Cerro Batoví ist das Wahrzeichen des Departements Tacuarembó

In Tacuarembó ist unser Zimmer im Hotel Orange noch nicht bezugsfertig, also fahren wir gleich weiter nach Valle Edén: nicht mehr als ein Weiler, der jedoch trotzdem ein paar besuchenswerte Attraktionen aufzuweisen hat. Die erste ist überhaupt nicht zu verfehlen – die Dorfstraße führt nämlich geradewegs auf einen kleinen Wasserlauf zu und verschwindet darin; auf der anderen Seite führt eine Betonrampe wieder heraus. Das erinnert uns fatal an eine höchst unrühmliche Begebenheit vor knapp drei Jahren in Costa Rica… und veranlasst uns selbstverständlich dazu, unser kleines Auto brav diesseits des Baches, der den Einheimischen auch als Badeplatz dient, stehenzulassen.

Mit dem Auto baden gehen...?
Mit dem Auto baden gehen…?

Um auf die andere Seite zu kommen, müssen wir jedoch nicht schwimmen oder waten – eine alte Hängebrücke aus dem Jahre 1928 führt uns trockenen Fußes hinüber. Es schwankt und wackelt zwar bedenklich, doch das ist ja ein Teil des besonderen Erlebnisses, so eine Konstruktion aus Holz und Metalldrähten zu benutzen.

...dann doch besser zu Fuß!
…dann doch besser zu Fuß!

Es ist nicht weit bis zu einem Bahnübergang: Die Schilder, die vor herannahenden Zügen warnen, sind zwar relativ neu, doch der alte, längst stillgelegte Bahnhof des Dörfchens sieht nicht so aus, als herrschte hier noch Eisenbahnbetrieb.

Der kürzeste Weg zum alten Bahnhof...
Der kürzeste Weg zum alten Bahnhof…
...von Valle Edén
…von Valle Edén

Ganz im Gegenteil: Zwei alte Schnellzüge rosten auf den von Gras überwucherten Schienen gepflegt vor sich hin – sie stammen aus dem Jahr 1952 und wurden im österreichischen Donawitz produziert.

Eisenbahnfriedhof...
Eisenbahnfriedhof…

Einer ist im vergangenen Jahr künstlerisch ansprechend bemalt worden; die Motive haben alle mit dem größten Sohn des Ortes (sofern er denn einer ist) zu tun: Carlos Gardel.

...mit farbigen Aspekten
…mit farbigen Aspekten
Doch noch ein Fahrgast?
Doch noch ein Fahrgast?

Bekanntester Anziehungspunkt des Ortes ist dementsprechend auch das Museo Carlos Gardel. In dem stilvoll gestalteten Gebäude wird der Lebensweg des seinerzeit weltberühmten Tangosängers, der 1935 bei einem Zusammenprall zweier Flugzeuge auf dem Flughafen der kolumbianischen Stadt Medellín starb, detailliert und anhand vieler Dokumente nachgezeichnet, effektvoll von den Klängen seiner melancholischen Lieder untermalt.

Im Museo Carlos Gardel...
Im Museo Carlos Gardel

Auffällig viele Ausstellungsgegenstände haben mit der Frage zu tun, wo Carlos Gardel zur Welt gekommen ist. Er selbst hat öffentlich wiederholt erklärt, am 11. Dezember 1887 in Tacuarembó zur Welt gekommen zu sein; doch ob dies tatsächlich so war, bezweifeln viele Biographen. Seine Mutter war Französin und lebte nur wenige Jahre in Uruguay, ehe sie mit ihrem Sohn nach Buenos Aires weiterzog. Ob sie in dieser Zeit von dem Großgrundbesitzer in Valle Edén, in dessen Diensten sie stand, geschwängert wurde oder ob der kleine Charles Romuald Gardès, der seinen Namen erst 1912 hispanisieren ließ, nicht in Wirklichkeit am 11. Dezember 1890 in Toulouse geboren wurde, ist seit vielen Jahrzehnten Gegenstand erbitterter Streitereien.

...dreht sich alles um den berühmten Sänger...
…dreht sich alles um den berühmten Sänger…
...und um seine Herkunft
…und um seine Herkunft

Jedenfalls reklamieren die Uruguayer den Ausnahmesänger als den ihren und lassen es an den Museumswänden nicht an Belegen fehlen, in denen Tacuarembó als Geburtsort erwähnt wird. Einziger Schönheitsfehler – den man hier allerdings geflissentlich übersieht: All diese Dokumente, auch Geburtsurkunden, sind erst später aufgrund der Angaben des inzwischen berühmten Künstlers ausgestellt oder publiziert worden. Dagegen findet sich in einem Geburtsregister in Toulouse 1890 tatsächlich der Eintrag Charles Romuald Gardès. Sei’s drum – für Uruguay ist die Abstammung des Sängers sicherlich wesentlich wichtiger als für Frankreich…

Stilvoll gestaltete Museumsräume
Stilvoll gestaltete Museumsräume

Das zeigt sich auch gleich am Ortseingang der 55.000-Einwohner-Stadt Tacuarembó: Unübersehbar für alle Vorbeikommenden wurde Gardel direkt an der Nationalstraße 5 ein Denkmal gesetzt. Um es allen klar zu sagen: Das hier ist die Heimat des Tango-Königs und nirgendwo anders…!

Gardel-Denkmal in Tacuarembó
Gardel-Denkmal in Tacuarembó

In der Stadt, die als einzige Uruguays einen der Guaraní-Sprache entstammenden Namen trägt, der auf das viele Schilf in der Umgebung verweist, findet man sich schnell zurecht. Das Zentrum ist übersichtlich, wie fast alle lateinamerikanischen Städte in quadratischen Blöcken strukturiert, und die paar Straßenzüge, in denen Restaurants, Eisdielen, Banken und Geschäfte dem Ort einen innerstädtischen Charakter verleihen, schnell durchwandert. Sie konzentrieren sich zwischen zwei großzügigen Plätzen. Da ist einmal die Plaza Colón, von vielen Bäumen bestanden und in der Mitte mit einem Springbrunnen ausgestattet, der zum Vergnügen der Kinder als Wasserspiel funktioniert: Unregelmäßig ebben die Fontänen ab, um dann wieder hoch hinaufzuschießen – bei den heißen Temperaturen ein Riesenspaß, der abends durch verschiedenfarbige Lichteffekte noch verstärkt wird.

Plaza Colón: Wasserspiele bei Tag...
Plaza Colón: Wasserspiele bei Tag…
...und bei Nacht
…und bei Nacht

Eigentlicher Mittelpunkt von Tacuarembó ist allerdings die Plaza 19 de Abril: In ihrer Mitte befindet sich das obligatorische Reiterstandbild von General Artigas, an ihr stehen aber auch die 1899 errichtete Kathedrale San Fructuoso (ein Name, für den es keine deutsche Entsprechung gibt) und das schön gestaltete Gebäude der Provinzregierung.

Plaza 19 de Abril mit Artigas-Denkmal...
Plaza 19 de Abril mit Artigas-Denkmal…
...Kathedrale San Fructuoso...
…Kathedrale San Fructuoso
...und dem Regierungsgebäude
…und dem Regierungsgebäude

In der Peripherie hat die Stadt Tacuarembó, offensichtlich dem Beispiel von San Gregorio de Polanco folgend, inzwischen einige, zum Teil überdimensionale, Plastiken aufstellen lassen – eine davon sieht aus wie ein riesiger Pilz.

Schattenspendende Kunst
Schattenspendende Kunst

Wir wollen die Umgebung etwas genauer kennenlernen und starten deshalb am Sonntag zu einem Ausflug ins etwa 100 Kilometer nordwestlich schon recht nahe an der brasilianischen Grenze gelegene Valle del Lunarejo, das uns in einem Reiseführer empfohlen worden ist. Trotz der Hitze ist die Landschaft unwahrscheinlich grün; ein Anzeichen dafür, dass es hier doch sehr häufig regnet, was man momentan gar nicht glauben möchte. Wir staunen über die riesigen Melonen, die auf den Feldern wachsen…

Riesige Melonen auf den Feldern
Riesige Melonen auf den Feldern

Von der Ruta 5 zweigt irgendwann eine Seitenstraße ab; eine überdimensionale Werbetafel macht unmissverständlich deutlich, dass es hier in das von uns angestrebte Tal geht. Nur – der Straßenzustand ist nach den ersten paar Kilometern überhaupt nicht mehr so, wie man sich die Zufahrt zu einer Touristenattraktion vorstellt. Der bis dahin gute Teerbelag hört auf; es beginnt eine Rüttelpiste, deren schlimmster Teil von grobem, erst kürzlich aufgeschüttetem Schotter gebildet wird. Wir wagen uns nur im Schritttempo darüber – hoffentlich hält unser Geely das aus!

Üble Schotterpiste
Üble Schotterpiste

Als wir schon zu zweifeln beginnen, ob wir hier tatsächlich noch richtig sind, sorgt ein großes Hinweisschild für Aufklärung: Hier beginnt das Naturschutzgebiet Valle del Lunarejo. Jagen und Müll entsorgen ist hier verboten, Vogelbeobachtung, Fotografieren und Wandern dagegen empfohlen. Kurze Zeit später lesen wir noch ein Schild: 500 Meter bis zum Centro de Visitantes. Na prima, da wird es sicher Info-Broschüren oder zumindest Übersichtskarten geben!

Die Beschilderung verspricht besten Service...
Die Beschilderung verspricht besten Service…

Am Besucherzentrum angekommen, zeigt ein Pfeil unmissverständlich zu dem nagelneuen Gebäude gleich oberhalb der Straße. Komisch nur, dass der Zugang durch einen Drahtzaun versperrt ist?! Wir schlüpfen unten durch und schauen uns das Ganze etwas genauer an. Und erleben Uruguay in Reinkultur: Blickt man durch die Fenster ins Innere des Gebäudes, sieht man Illustrationstafeln, die zum Teil noch nicht an der Wand angebracht sind; auf einer Bank liegen stapelweise Prospekte, der Schalter für den diensthabenden Angestellten ist eingebaut, im Nebengebäude warten moderne Toiletten auf die Benutzer – aber das Ganze ist schlichtweg noch nicht in Betrieb. Und der Clou daran: Neben der Eingangstür prangt ein metallenes Schild, das von der feierlichen Einweihung des Besucherzentrums kündet. Sie hat im Dezember 2016 im Beisein der uruguayischen Tourismusministerin stattgefunden…

...doch ein eingeweihtes Besucherzentrum muss nicht unbedingt auch schon geöffnet haben!
…doch ein eingeweihtes Besucherzentrum muss nicht unbedingt auch schon geöffnet haben!

Wir fahren die Gegend auf und ab; aber an der Straße finden sich keinerlei weitere Hinweise, und Feldwege, auf denen man wandern könnte, gibt es nicht, weil scheinbar ganz Uruguay irgendjemandem gehört und demzufolge alles eingezäunt ist. So bleibt uns nur, die fraglos schöne Hügellandschaft vom Auto aus zu bewundern und dann bald die Rückkehr nach Tacuarembó anzutreten, das in der Sonntagsnachmittagshitze friedlich vor sich hindöst.

Eindrücke vom Valle del Lunarejo
Eindrücke vom Valle del Lunarejo

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Wir haben hier also alles gesehen, denken wir und ziehen uns zur Siesta in unser zum Glück klimatisiertes Zimmer zurück – und hören einige Zeit später plötzlich Trommelrhythmen vor unserem Hotel. Was ist denn hier los? Ein Blick auf die Straße sagt es uns: Hier haben sich einige Kinder-Karnevalgruppen aufgestellt, um an diesem Faschingssonntag einen Mini-Umzug durchzuführen! Das Schema der Gruppen ist uns mittlerweile wohlvertraut – Fahnenträger, Tänzerinnen, Medizinmann, Trommler, alles ist wie bei den Großen! So bekommen wir ganz unvermutet noch ein bisschen uruguayischen Provinz-Karneval mit…

Früh übt sich...
Früh übt sich…
...wer später mal...
…wer später mal…
...bei den Großen...
…bei den Großen…
...dabei sein will!
…dabei sein will!
Die Pose sitzt...
Die Pose sitzt…
Der Rhythmus liegt im Blut
Der Rhythmus liegt im Blut