Oaxaca.

Knapp fünf Stunden brauchen wir für die etwa 340 Kilometer lange, Richtung Süden führende Fahrt von Puebla nach Oaxaca. Als wir am späten Dienstagnachmittag die 260.000 Einwohner zählende Hauptstadt des gleichnamigen Bundesstaates erreicht haben, freuen wir uns, dass wir mit dem Apartamento Verde eine wirklich gute Wahl getroffen haben: Mitten im Stadtzentrum gelegen, wohnen wir hier in einer kleinen Wohnung, die den Inhabern einer Bäckerei gleich unter uns gehört, dennoch ruhig. Wirklich ein Glück, dass wir die über Airbnb noch gefunden haben – denn es ist gerade Semana Santa, absolute Hochsaison im mexikanischen Reisejahr, und da ist Oaxaca randvoll mit Touristen aus nah und fern!

Zur Osterzeit ist Oaxaca mit Touristen überfüllt

Das hat natürlich gute Gründe: Viele Landeskenner bezeichnen das auf 1.500 Metern mitten in den Bergen der Sierra Madre del Sur gelegene Oaxaca als schönste Stadt von ganz Mexiko, die Karwoche wird hier groß gefeiert, und auch die Umgebung der Stadt hat sowohl kulturell als auch kulinarisch sehr viel zu bieten. Einen ersten Eindruck von der beschwingten, lebensfrohen Atmosphäre der Stadt gewinnen wir schon am ersten Abend, als wir den kurzen Weg hinüberlaufen zur Kathedrale, die gleich von zwei Plätzen umgeben ist: der Alameda de León und dem noch größeren Zócalo.

Prozession inmitten des Touristentrubels

Hier warten zahlreiche Marktstände mit Kunsthandwerk auf Kunden, fliegende Händler verkaufen Imbiss, Getränke oder Luftballons, und eine Drei-Mann-Band hat ihre Verstärker aufgebaut und gibt flotte lateinamerikanische Rockmusik zum Besten. Auf beiden Plätzen sind zahllose gut gelaunte Menschen unterwegs, die den lauen Frühlingsabend sichtlich genießen.

Eine Rockband sorgt für Stimmung auf der Alameda de León

Eher beiläufig bildet sich ein Spalier, als kurz vor Einbruch der Dunkelheit eine Prozession aus zahllosen Fahnenträgern, die eine Stunde zuvor an einer anderen Kirche der Stadt aufgebrochen war, die im frühen 18. Jahrhundert erbaute Kathedrale erreicht und in das festlich geschmückte und in violettes Licht getauchte Kirchenschiff einzieht. Am Ende der Procesión Solemne de Entrada verbleiben die zahlreichen Banner in der Kathedrale, wo sie in den nächsten Tagen mit Erklärungsschildern versehen der Öffentlichkeit präsentiert werden.

Oaxacas Kathedrale
Bereit zum Einzug durchs Hauptportal
Die Fahnen werden effektvoll in Szene gesetzt

Oaxacas Altstadt, mit historischen Bauwerken nur so gespickt und in bunten Farben erstrahlend, steht schon seit 30 Jahren auf der UNESCO-Weltkulturerbeliste.

Bunte Straßenzüge…
…sind typisch für Oaxacas Altstadt

Dass es auch hier zahlreiche Kirchen gibt, ist nichts weiter als eine Selbstverständlichkeit; unter den Sakralbauten sticht neben der Kathedrale insbesondere der Templo Santo Domingo de Guzmán hervor. Der monumentale Bau geht auf die erste Phase der spanischen Landnahme in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zurück.

Oaxacas bedeutendstes Kirchengebäude: der Templo Santo Domingo de Guzmán…
…mit seinen mächtigen Doppeltürmen

Neben der Kirche selbst ist auch der umfangreiche ehemalige Klosterkomplex sehenswert, den die Dominikaner hier errichteten. Er ist heute Sitz des Centro Cultural Santo Domingo, eines sehr umfangreichen Museums, das in den zahlreichen Klosterräumen vielfältige Ausstellungen zur Geschichte und Kultur der Region von Ausgrabungsfunden aus vorspanischer Zeit bis hin zu technischen Entwicklungen und wichtigen Persönlichkeiten der Region aus der Neuzeit zeigt. Zudem bietet sich von hier aus ein wunderschöner Blick auf die gepflegten Klostergärten und die malerische Berglandschaft der Umgebung.

Stilvoller Klosterhof des ehemaligen Dominikanerkonvents
Klostergarten mit landestypischer Bepflanzung
Das Centro Cultural Santo Domingo bietet Platz für viele Ausstellungsräume

Von der Möglichkeit einer weiteren Besichtigung erfahren wir durch einen jungen Mann, der – mit offiziellem T-Shirt als Mitarbeiter des Fremdenverkehrsamts ausgewiesen – uns auf der Straße anspricht und uns über die interessantesten Sehenswürdigkeiten der Stadt informiert. Andernfalls wären wir sicher nicht auf die Idee gekommen, dem Teatro Macedonio de Alcalá einen Besuch abzustatten. Doch der lohnt sich, denn der von 1903 bis 1907 errichtete Theaterbau ist nicht nur von außen sehenswert, sondern verfügt über einen sehr luxuriösen Saal mit reicher Verzierung; nicht von ungefähr zählt man ihn zu den bedeutendsten des Landes.

Das Teatro Macedonio de Alcalá
…beeindruckt auch…
…mit seiner prächtigen Innenausstattung

Der Karfreitag ist im gesamten christlichen Kulturkreis einer der höchsten Feiertage im Jahreskreis. Wir haben vor acht Jahren schon einmal die prunkvollen Prozessionen miterlebt, die im spanischen Sevilla anlässlich der Semana Santa veranstaltet werden und ihren Höhepunkt am Todestag Jesu finden. Doch diese Umzüge beschränken sich nicht auf Sevilla, sie gibt es im ganzen Land, wenngleich sie in der andalusischen Metropole mit besonderem Aufwand durchgeführt werden. Und diese spanischen Traditionen wurden natürlich auch nach Lateinamerika mitgebracht. In Mexiko, dem zweitgrößten katholischen Land der Erde, sind die Prozessionen während der Karwoche in vielen Städten bedeutende Feste – so auch in Oaxaca.

Auf dem Kreuzweg – Prozession am Karfreitag

Der wichtigste Umzug, so entnehmen wir dem überall in der Stadt aufliegenden Faltblatt anlässlich der Heiligen Woche, findet am Freitagabend statt und nennt sich Procesión del Silencio. Die genaue Route der Prozession wird in dem Flyer auf einer Stadtkarte ebenfalls vermerkt – für uns perfekt, denn wir brauchen von unserem Zimmer keine fünfzig Meter zu laufen, um den Umzug mitzuerleben.

Warten auf den Umzug…

Procesión del Silencio bedeutet ja Stille Prozession – entsprechend sind wir auf eine sehr andächtige und gedämpfte Stimmung gefasst, als wir hinunter auf die Straße gehen. Doch da haben wir uns gründlich getäuscht: Straßenhändler laufen wie immer durch die Menschenmassen und versorgen sie mit Süßigkeiten aller Art, und keine 200 Meter vom Prozessionsweg entfernt steppt auf der Alameda de León sprichwörtlich der Bär… direkt vor der Kathedrale!

Karfreitag in Oaxaca…

Wenn wir es nicht mit eigenen Augen sehen würden, wir könnten es nicht glauben. Zuhause in Deutschland herrscht am Karfreitag buchstäblich Totenruhe; hier dagegen ist Volksfeststimmung! Imbissbuden bieten ihr ganz normales Angebot feil – von Fast- und Abstinenztag kann da keine Rede sein. Die Luftballonhändler haben ihr komplettes, knallbuntes Sortiment aufgefahren; Micky Maus und Star-Wars-Krieger toben über den Platz, ein Clown unterhält das Volk mit seinen Gags, und eine Rockband untermalt das Ganze mit fetzigen Klängen. Wer hätte das gedacht – im angeblich erzkatholischen Mexiko?!

…bedeutet Volksfeststimmung vor der Kathedrale

Zumindest während der Prozession verstummt direkt an den Umzugsstraßen dann doch der sonst allgegenwärtige Trubel. Dass die für die Fahnen- und Tischträger, die kunstvolle Darstellungen der Leidensgeschichte Jesu präsentieren, freigehalten wird, ist vor allem die Aufgabe der örtlichen Pfadfindergruppen, die ihr Amt mit wesentlich mehr Engagement erledigen als die ebenfalls recht zahlreich anwesende Verkehrspolizei – die steht lieber unbeteiligt herum, unterhält sich und macht sogar Selfies…

Pfadfinder bitten mit Schildern um die notwendige Stille
Oaxacas Verkehrspolizei im Dienststress…

In der einsetzenden Dämmerung ist das Defilee der Gruppen aus den verschiedenen Pfarreien der Stadt ein beeindruckendes Erlebnis – angeführt vom Erzbischof von Antequera, der seinen Sitz hier in Oaxaca hat. Die Ruhe, um die die Zuschauer am Straßenrand auch auf mitgeführten Schildern gebeten werden, wird zwischendurch allerdings doch empfindlich gestört – eine laut brummende Drohne, gesteuert von einem mit umhängendem Ausweis als offiziell lizenziert legitimierten Kameramann, fliegt immer wieder über die Prozession, um diese aus der Vogelperspektive zu filmen. Das digitale Zeitalter macht also nicht einmal von solch traditionsreichen Veranstaltungen Halt…

Eindrücke von der…
Procesión del Silencio
…in Oaxaca