Popayán.

Der Montag entwickelt sich zu einem langen Reisetag: Von Salento fahren wir in gut einer Stunde mit einem Kleinbus, den wir fast direkt vor dem Hostel anhalten können, in die Departementshauptstadt von Quindío, Armenia. Dort kaufen wir ein Ticket für das nächste Teilstück, das in etwas weniger als drei Stunden in Kolumbiens drittgrößte Stadt Cali führt. Sie ist für uns jedoch nur eine Umsteigestation und Gelegenheit zu einer Mittagspause, danach sitzen wir noch vier Stunden in einem großen Bus, der uns in die weiter im Süden gelegene Hauptstadt des Departements Cauca, Popayán, bringt. Bis uns das Taxi ans Hotel Krone bringt (der Besitzer hat vier Jahre in der Schweiz gearbeitet und spricht ein bisschen Deutsch, deswegen auch der deutsche Name), ist es bereits dunkel geworden. Heute wieder einmal ganz auffällig: Schon ein Sitznachbar im Bus, dann auch der Taxifahrer – sobald sie erfahren, dass wir Deutsche sind, beginnen sie über Fußball zu reden und von der deutschen Nationalmannschaft zu schwärmen. Der Erfolg im Confederations-Cup ist erst gut eine Woche her, und die WM 2014 ist ebenfalls noch in guter Erinnerung. Besonders das 7:1 gegen Brasilien; immer wieder erzählen uns Kolumbianer, dass sie damals Deutschland die Daumen gedrückt haben, weil das Gastgeberland zuvor im Viertelfinale mit einem umstrittenen 2:1 Kolumbien ausgeschaltet hatte. Was hier übrigens ebenfalls unvergessen ist: Als Deutschland 1990 in Italien Weltmeister wurde, schaffte Kolumbien in der Vorrunde ein 1:1 gegen das DFB-Team. Auch an dieses Spiel hat man uns mittlerweile schon häufiger erinnert… Und das Interesse am deutschen Fußball wird hierzulande sicher nicht geringer werden, nachdem heute bekannt wurde, dass der kolumbianische Superstar James Rodríguez zum FC Bayern München wechselt.

Top-Thema in den kolumbianischen Zeitungen: Der Wechsel von James zum FC Bayern

Doch wir sind ja nicht in erster Linie in Kolumbien, um Fußball-Fachgespräche zu führen, wir wollen weiterhin das Land kennenlernen. Und nach Popayán sind wir deswegen gefahren, weil die Stadt als eine der schönsten des Landes gilt. Also nutzen wir die Gelegenheit, wieder an einer Free-Walking-Tour teilzunehmen, die das städtische Fremdenverkehrsamt anbietet. Und obwohl in Popayán wirklich nicht viele Touristen unterwegs sind, kommt doch eine achtköpfige Gruppe zustande – neben uns drei Franzosen, eine Argentinierin und zwei junge Deutsche, die ihr freiwilliges Auslandsjahr in Ecuador gerade eben beendet haben und erst heute Nacht mit dem Bus nach Kolumbien gefahren sind.

Popayáns Stadtzentrum rund um den Parque Caldas

Ausgangspunkt des Stadtrundgangs ist der zentrale Parque Caldas. Die etwa 280.000 Einwohner zählende, schon 1537 gegründete Stadt, in der aufgrund ihrer Lage auf 1.760 Metern ein sehr angenehmes Klima herrscht, wird auch die weiße Stadt genannt.

In der weißen Stadt

Doch warum? Mit dieser Frage beginnt die junge Einheimische Lina ihre Führung – und auf die richtige Antwort kommt keiner von den Teilnehmern. Die Ursache liegt ihrer Erklärung zufolge nämlich in einer üblen Seuche, die zur Zeit der Stadtgründung wütete: Von Insekten übertragene Krankheitserreger befielen die Füße der damals gewöhnlich ohne Schuhe laufenden Menschen. Diese entwickelten böse Geschwüre und wurden ganz schwarz. Mit Kalk konnten diese Schädlinge aber bekämpft werden – und deswegen veranlasste die Obrigkeit, dass alle Häuser der Stadt mit diesem weißen Material gestrichen wurden.

…hat die Wandfarbe ihren Ursprung in der Seuchenbekämpfung

Was dazu führte, dass die Heilung suchende Bevölkerung den Kalk sogar von den Wänden kratzte, um damit die Füße zu behandeln – heute sind einige Hausecken absichtlich farbfrei gehalten, um daran zu erinnern. Ansonsten legt die Stadt aber sehr großen Wert darauf, dass ihr Markenzeichen sich stets in bester Verfassung präsentiert: Jedes Jahr vor Ostern müssen die Hausbesitzer des historischen Zentrums ihre Fassaden von Neuem weiß streichen.

Hier wurde früher der Kalk abgekratzt

Dieser Termin ist nicht zufällig gewählt: In Popayán besteht eine jahrhundertealte Tradition von Prozessionen während der Semana Santa (Osterwoche). Die aufwändig gestalteten Heiligenstatuen und die prunkvollen, schweren Tische, die jeweils von acht Trägern (dieses Recht wird in den Familien von einer zur anderen Generation weitergegeben) geschultert werden, werden uns in einem ehemaligen Herrenhaus, das zur Fundación Junta Permanente Pro Semana Santa umgestaltet worden ist, gezeigt.

Innenhof der Fundación Junta Permanente Pro Semana Santa
Heiligenstatuen für die Semana Santa

Dabei erfahren wir, dass es auch einen Kinderumzug gibt – alle notwendigen Utensilien sind ebenso als Miniaturausgabe vorhanden, damit die Fünf- bis Zwölfjährigen schon einmal für ihre spätere Aufgabe als Erwachsene üben können. Frauen dürfen im Unterschied zu den Männern übrigens nur einmal im Leben aktiv an den Prozessionen teilnehmen – im Alter zwischen 17 und 22, gewandet in eine farbenprächtige, nur für diesen Zweck hergestellte Festtagstracht.

Ausrüstung für die Kinderprozession

Popayán ist eine, wie Lina betont, sehr katholische Stadt – den Grundstein dafür legten die Spanier, die in der immer wieder von Erdbeben erschütterten Region gleich eine Vielzahl von Kirchen errichten ließen. War eine zerstört, dann konnten hoffentlich die anderen noch genutzt werden… Das bislang letzte, folgenschwere Erdbeben ereignete sich am Gründonnerstag 1983 kurz vor dem Beginn einer Prozession. Zahlreiche der Toten, die dabei zu beklagen waren, wurden vom Kuppeldach der Kathedrale erschlagen, das dabei einstürzte.

Fassade der Catedral de Nuestra Señora de la Asunción

Inzwischen sind die Schäden alle beseitigt, die Kathedrale erstrahlt im alten Glanz und der gleich daneben aufragende massive Torre del Reloj, das aus der Zeit um 1700 stammende Wahrzeichen der Stadt, bildet zusammen mit der breiten Fassade der Bischofskirche eine unverwechselbare Silhouette.

Statt eines Kreuzes schmückt die Señora de la Asunción den Altarraum

Wir kommen noch an einigen anderen schönen Kirchen vorbei – neben der bekannten Iglesia de San Francisco fallen uns auch die Fassaden der Dominikaner- und der Jesuitenkirche auf. Und auf einem Hügel über der Altstadt thront die Capilla de Belén, die eine schöne Aussicht über Popayán bietet.

Eine von vielen Kirchen in Popayán: die Iglesia de Santo Domingo

Doch nicht nur Kirchen machen diese Stadt sehenswert – es sind die vielen Straßenzüge mit den weißen Kolonialgebäuden, aber auch einige prächtige Bauwerke aus dem späten 19. Jahrhundert, die das Bild der Stadt komplettieren. So kommen wir am imposanten Palacio Nacional vorbei, der heute als Gerichtsgebäude dient, bewundern das Museo Nacional Guillermo Valencia, das an den aus Popayán stammenden Dichter erinnert, und dürfen einen Blick ins städtische Theater werfen, das nach dem gleichen, bedeutenden Sohn der Stadt benannt ist.

Vor dem Palacio Nacional
…und dem Teatro Guillermo Valencia

In der Nähe der Puente del Humilladero, einer mehrere hundert Meter langen Ziegelbrücke, die im 19. Jahrhundert von einem italienischen und einem deutschen Mönch konstruiert wurde und allen Erdbeben standhielt, und der daneben liegenden kleinen Puente de la Custodia (beide überqueren den Río Molino) führt die Stadttour sogar in ein kleines Lokal – hier dürfen wir ein paar örtliche Spezialitäten probieren, für die Popayán berühmt ist.

Auch sie zählt zu Popayáns bemerkenswerten Bauwerken: die Puente del Humilladero

Und weil Lina es empfiehlt, stapfen wir nach dem Ende des Stadtrundgangs noch den am Stadtrand gelegenen Morro de Tulcán hinauf – ein steiler Hügel, der oben von einem Reiterdenkmal des spanischen Stadtgründers Sebastián de Belalcázar gekrönt wird. Die Aussicht von dort oben auf die Stadt ist wunderbar; doch noch interessanter wird der kleine Ausflug, wenn man sich vergegenwärtigt, dass es sich hier nicht um eine natürliche Erhebung, sondern um eine Erdpyramide handelt, die ein heute nicht einmal mehr namentlich bekannten Volk in der Zeit zwischen 1500 bis 500 vor Christus errichtete.

Stadtgründer Sebastián de Belalcázar thront unübersehbar hoch zu Ross…
…auf der Erdpyramide El Morro de Tulcán
Von hier oben hat man das beste Panorama…