Saranda.

Hinter den hohen Begrenzungsmauern, die Nikos Grundstück samt dem derzeit noch eingeschossigen Guesthouse – die Stahlträger ragen allerdings empor und deuten an, dass der Bau irgendwann fortgesetzt werden soll – gegen die Straße und die Nachbarn schützen, erhalten wir bereits um sieben Uhr im Garten das Frühstück. Denn schon zu früher Stunde verlassen wir Berat: Zunächst laufen wir an einen Platz im Stadtzentrum, fahren mit dem Linienbus hinaus ans Terminal und fragen uns dort durch zu einem Kleinbus in Richtung Vlora – die gut 80.000 Einwohner zählende Stadt an der Küste ist zwar nicht unbedingt einen Besuch wert, als Umsteigestation in Richtung albanische Riviera allerdings unumgänglich. Der Weg dorthin ist abenteuerlich: Die meiste Zeit sind wir auf einer von Schlaglöchern übersäten Landstraße unterwegs und passieren eine ganze Reihe von Dörfern und Kleinstädten im Hinterland. Der Busfahrer fungiert, wie wir mitbekommen, gleichzeitig als Paketdienst und Briefzusteller, nimmt aber auch einen Passagier mit, der mit reichlich mit Kirschen gefüllten Obstkisten auf den Markt unterwegs ist. Weil wir an die südlich von Vlora beginnende Steilküste wollen, werden wir nach zweistündiger Fahrt irgendwo in einer Seitenstraße der Provinzhauptstadt herausgelassen – hier fahren, so macht man uns begreiflich, die Kleinbusse los, mit denen wir unser gewünschtes Ziel erreichen. Das ist allerdings mit einer dreiviertelstündigen Wartezeit verbunden, die wir mit einem guten Espresso – die Kaffeekultur haben die Albaner eins zu eins aus Italien übernommen, nur mit noch günstigeren Preisen – in einer nahegelegenen Bar überbrücken.

Nach einem zwischenzeitlichen Gewitterregen fährt der nur spärlich besetzte Minibus schließlich los. Zunächst kurven wir die ziemlich regellos bebaute Küste entlang südwärts, dann schneidet die Straße eine in die Adria ragende Halbinsel ab und windet sich dabei hoch hinauf in den dicht bewaldeten Llogara-Nationalpark. Dort oben legt unser Fahrer unvermittelt eine Pause ein – es ist kurz vor halb eins, wir kommen an einer einfachen Bergwirtschaft vorbei: Zeit für eine Mittagspause! Nachdem wir der sehr schüchternen Bedienung verständlich gemacht haben, dass wir auch gerne etwas essen würden, erhalten wir eine äußerst schmackhafte Fleischsuppe und prima Tsatsiki – und als wir uns bei ihr auf Albanisch mit „Faleminderit!“ bedanken, huscht sogar ein Lächeln über das ob des unerwarteten Erscheinens von Ausländern (außer uns ist auch noch ein älterer Italiener an Bord) verschreckte Gesicht der jungen Bedienung.

Auf der Passhöhe des Llogara-Nationalparks
…gibt’s ein einfaches, aber gutes Mittagessen

Von der auf über 1.000 Meter gelegenen Passhöhe kurven wir anschließend in unzähligen Serpentinen das bizarre Küstengebirge hinab, bis wir die ersten kleinen Bergdörfer der albanischen Riviera erreichen. Gleich im zweiten steigen wir aus: Wir sind in Dhërmi angekommen, einem kleinen Ort, von dem es heißt, dass es hier wunderschöne Strände geben soll. Hier haben wir eine Unterkunft gebucht – nur: wie kommen wir dorthin? Taxis stehen an unserer Aussteigestelle, der Abzweigung von der Hauptstraße am Rand des alten Dorfes hinunter zu den neu entstandenen Ortsteilen am Meer, keine herum. Also laufen wir erst einmal ein ganzes Stück bergab, bis wir irgendwo in Dhërmi-Plazh auf einen älteren Mann treffen, den wir nach einem Taxi fragen. Also telefoniert er mit einem Bekannten, der eine gute Viertelstunde später dann auch aufkreuzt und uns zu einem allerdings überhöhten Preis die vielleicht fünf Kilometer bis zu unserem Hotel bringen will. Wir handeln ihn ein wenig herunter und steigen kurz darauf am Summer Dream Hotel aus: Es liegt am äußersten Nordende des Drymades Beach genannten Strandabschnittes, sehr malerisch an einen Felsausläufer gebaut, der hier bis ans Meer reicht. Alle anderen Bars, Restaurants und Unterkünfte sind weit genug entfernt, sodass es hier wirklich sehr idyllisch und ruhig zugeht.

Steil fallen die Berge in Südalbanien zum Meer hin ab

Wir haben eigentlich nur für eine Nacht gebucht; aber nachdem das Wetter an diesem Mittwoch nicht besonders ist und wir zudem erst gegen halb drei Uhr nachmittags ankommen, fragen wir gleich nach, ob wir einen Tag verlängern können – in der Vorsaison, in der wir uns jetzt befinden, ist das kein Problem, wenngleich wir hier durchaus nicht die einzigen Urlauber aus dem Ausland sind – und beileibe auch nicht die einzigen Deutschen.

Wunderschön gelegen: das Summer Dream Hotel
…am Ende des langgestreckten Drymiades Beach

Ein kleiner Spaziergang entlang des breiten Kiesstrandes zeigt, dass hier einiges aber doch noch recht provisorisch und auch nicht immer sehr professionell wirkt. Da dösen einige Strandbars erkennbar ihrem Verfall entgegen, die aus Palmblättern gefertigen Sonnenschirme liegen teilweise ruinös in der Gegend herum, und auch so mancher Unterkunft sieht man an, dass die ehrgeizigen Pläne ihrer Erbauer nicht Wirklichkeit wurden.

Vorsaison am Strand von Dhërmi

Wie auch immer: Das Summer Dream Hotel scheint diese Fehler nicht gemacht zu haben – es existiert unter griechischer Leitung (was allerdings nicht heißen muss, dass es sich um Ausländer handelt: Viele Einwohner hier gehören der griechischen Minderheit an und haben seit langem die doppelte Staatsbürgerschaft) seit sieben Jahren und hat sich Schritt für Schritt immer wieder vergrößert. Ein offenes, überdachtes Restaurant, das als Terrasse über dem Strand errichtet wurde, sorgt dafür, dass die Gäste auch kulinarisch bestens versorgt werden.

Hier lässt sich’s aushalten: Frühstück mit Meerblick

Und wenn man zum Strand will, braucht man nur durch ein wunderschönes, natürliches Felsentor gleich neben dem Restaurant zu klettern, schon befindet man sich in einer fast verwunschen wirkenden kleinen Bucht, bei der man glaubt, die Zivilisation sei ewig weit entfernt. Der Blick hinaus aufs türkisblaue Meer wird unweigerlich auf drei kleinere und eine große Insel gelenkt: Othoni, Errikousa und Mathraki (die Diapontischen Inseln) sowie Korfu – Griechenland ist nicht mehr weit! Hier verbringen wir am Donnerstag einen sehr entspannten Strandtag – die Luft ist klar, die Temperaturen angenehm und das Wasser schon auf Badetemperatur. Am Abend davor sah es noch ganz anders aus: Da ging ein mehrere Stunden dauerndes, heftiges Gewitter hernieder…

Durch ein Felsentor…
…direkt am Meer…
…gelangen wir an eine idyllische Bucht
Am Horizont: die Silhouette von Korfu

Ganz nahe – bis auf knapp drei Kilometer – kommen wir Korfu am Freitag. Dazu müssen wir die Riviera weiter nach Süden bis in das rasant gewachsene Urlaubszentrum Saranda. Mit öffentlichen Verkehrsmitteln durchaus möglich, aber… es dauert halt alles etwas.

Das alte Dhërmi – ein verträumtes Bergdorf

So lassen wir uns zunächst von einem Taxi an die Abzweigung an der Hauptstraße von Dhërmi bringen, warten dort dann fast eine Stunde am Straßenrand, bis der Kleinbus endlich kommt… nur um vom Fahrer gesagt zu bekommen, dass für ihn in Himara Endstation ist. Das ist zwar ein sehr angenehmer kleiner Fischer- und Badeort, und wir können direkt am Strand aussteigen. Doch eigentlich wollten wir ja nach Saranda…

Ungeplanter Zwischenhalt am Strand von Himara

Der nächste Kleinbus soll bald kommen, tröstet uns unser Chauffeur – und kommt ein paar Minuten später mit einer Tüte voll frischem Brot zurück. „Das ist noch warm, reißt euch was ab!“ fordert er uns auf. Wenn wir hier schon unfreiwillig festhängen, sollen wir zumindest nicht Hunger leiden… so sind sie, die Albaner! Und zwei Minuten später hat der Busfahrer für uns sogar etwas noch Besseres als Brot zu bieten – nämlich ein Taxi, das uns zusammen mit einem ebenfalls wartenden Schweizer zum Busticket-Tarif die restlichen etwa 40 Kilometer befördert. Der rüstige Rentner, der seit Jahrzehnten als Taxi-Fahrer unterwegs ist, gibt uns unterwegs reichlich Hinweise auf schöne Strände und gute Restaurants – und auch von ihm bekommen wir ein Süßgebäck ab, das er bei einem kurzen Halt besorgt hat.

Saranda ist für uns erst einmal nur ein kurzer Boxenstopp: Wir deponieren unsere Rucksäcke im direkt an der Strandpromenade gelegenen Hotel Kaonia, laufen ein paar hundert Meter zum Obst- und Gemüsemarkt  und warten dort auf den nächsten Kleinbus, der uns – es ist inzwischen 13 Uhr geworden – direkt weiter nach Butrint bringt, das noch einmal 15 Kilometer weiter südlich ganz nahe der Grenze zu Griechenland liegt. Schon die Lage ist traumhaft: Eine hügelige, bewaldete Halbinsel erstreckt sich in die nur durch einen schmalen Wasserarm mit dem Meer verbundene Lagune von Butrint. Und hochinteressant ist auch die 20.000 Jahre zurückreichende Besiedlungsgeschichte des Ortes. Bereits in der Bronzezeit gab es hier befestigte Siedlungen; später erkannten nacheinander Illyrer, Griechen, Römer, Byzantiner, Venezianer und Osmanen die strategisch bedeutsame Lage Butrints für die Überwachung der Meerenge von Korfu.

Umgeben von einer Lagune…
…liegt die Ruinenstätte Butrint

Was davon heute übriggeblieben ist, ist eine Ruinenstätte, die zu den wichtigsten des Mittelmeerraums zählt. Siedlungsspuren aus zwei Jahrtausenden lassen sich bei einem Rundgang über das Ausgrabungsgelände besichtigen: Zu den bedeutendsten zählen wohl das römische Theater und die gleich daneben befindlichen Thermen, das Baptisterium und die Basilika aus byzantinischer Zeit, die griechischen Stadtmauern mit gewaltigen Steinen und der venezianische Wachturm direkt an der Engstelle der Lagune – ihm direkt gegenüber auf der anderen Seite des Vivari-Kanals wurde zur zusätzlichen Sicherung noch die dreieckige Festung Treport errichtet.

Prunkstücke sind das römische Theater…
…mit den nebenan liegenden Thermen…
…das Baptisterium…
…die byzantinische Kathedrale…
…die Stadtmauer aus altgriechischer Zeit…
…und der venezianische Wachturm…

Ebenfalls auf die Venezianer geht die an der höchsten Stelle der Stadt liegende Burg zurück. Ihr heutiges Erscheinungsbild ist allerdings alles andere als original – auf den spärlichen Mauerresten errichtete ein italienischer Archäologe bis 1930 eine Fantasieburg, die heute das archäologische Museum beherbergt. In ihm werden Funde aus allen Besiedlungsepochen Butrints gezeigt.

Die rekonstruierte Burg von Butrint…
…beherbergt das archäologische Museum

Bis der nächste Bus nach Saranda geht, bleibt uns am Ausgang der als UNESCO-Weltkulturerbe anerkannten Ausgrabungsstätte noch eine gute Dreiviertelstunde Zeit – zum Glück gibt’s in der Nähe wenigstens ein Restaurant, in dem sich diese Wartezeit einigermaßen sinnvoll überbrücken lässt.

Zurück in der heute gut 30.000 Einwohner zählenden Hafenstadt, die zu kommunistischen Zeiten nicht mehr als ein kleiner Fischerort war, der aufgrund der Nähe zum feindlichen Griechenland in einer Sperrzone lag und den daher nur als besonders zuverlässig geltende Personen bewohnen und im Urlaub besuchen durften, sehen wir uns auch in Saranda noch ein bisschen um.

Saranda – ein beliebter Urlaubsort

Auch hier gibt es trotz des wild wuchernden Baubooms mit mehrstöckigen Hotels und Ferienanlagen, aufgrunddessen inzwischen die gesamte weit geschwungene Bucht zubetoniert ist, noch ein paar Überreste aus alter Zeit. Der interessanteste ist sicher die Ausgrabung einer frühmittelalterlichen Basilika, bei der sogar ein Fußbodenmosaik und Mauerreste gefunden wurden, die belegen, dass an dieser Stelle zuvor eine Synagoge gestanden haben muss.

Reste einer byzantinischen Kirche, die zuvor als Synagoge genutzt wurde

Recht verloren wirkt dagegen ein Backsteinpfeiler, der – als historisches Monument gekennzeichnet – direkt am Stadtstrand steht: Er ist der letzte Zeuge der alten Hafenanlagen, der Überrest eines ehemaligen Wachturms.

Nur wenig blieb von den alten Hafenanlagen übrig

In erster Linie ist Saranda ein lebhafter Ferienort: Hier trifft sich im Juli und August halb Albanien zum Sommerurlaub. Und immer häufiger kommen auch Feriengäste aus dem Ausland; viele fliegen aufs nahe Korfu und kommen mit der Fähre herüber. Legendär im ganzen Land ist die Strandpromenade, auf der die Urlauber allabendlich entlangflanieren – ein gern gepflegtes Ritual, das es in allen größeren Städten des Landes in ähnlicher Form gibt und den Namen Gjiro, also Runde, trägt. Wir tun es an diesem Abend den Einheimischen gleich und landen erst in einem Restaurant, als ein plötzlicher heftiger Gewitterregen herniedergeht.

Urlaub auf Albanisch: Sprungturm am Stadtstrand…
Gjiro an der Uferpromenade…
…und Abendstimmung im Lichterglanz
Gerade legt eine Fähre aus Korfu an