Shkodra.

Ein traumhaft schöner Frühsommermorgen begrüßt uns in Gjirokastra. Hier könnte man es zweifellos noch länger aushalten – wir wollen aber noch mehr von Albanien kennenlernen, uns zieht es weiter in den Osten des Landes. In dieser zerklüfteten Gebirgsregion sind die Wege nicht schnell und gerade, sie ziehen sich entlang der Flussläufe oder überwinden in unzähligen Windungen Bergketten. So erreichen wir zunächst das Tal der Vjosa: Sie gehört zu den letzten wirklichen Wildflüssen unseres Kontinents. Spektakuläre Schluchten und sich ständig verändernde Kiesbänke kennzeichnen ihren Lauf, dahinter ragen die massiven Gebirgszüge von Malësia e Dhëmbelit und Malësia e Nemërçkës in den Himmel.

Die Vjosa hat noch viel Platz in ihrem Flussbett…
…wenn sie sich nicht gerade durch einen Canyon zwängt
Dahinter ragen hohe Bergketten auf

Eine zutiefst beeindruckende Landschaft, deren Charakter sich verändert, als wir direkt am albanisch-griechischen Grenzübergang Tre Urat ostwärts abbiegen und damit hineinfahren in die Gebirgszüge des Mali i Gramozit. Nur am Anfang ist die Strecke noch gut ausgebaut; anschließend verengt sich die Straße auf eine Breite, wie wir sie von geteerten Wirtschaftswegen in den Alpen kennen. Dazu kommen zahllose Schlaglöcher; das Vorankommen gestaltet sich also entsprechend langsam. Zudem legen wir unterwegs auch die ein oder andere Pause ein; die Umgebung ist von einer solch paradiesischen Schönheit, dass es eine Schande wäre, hier einfach nur durchzufahren.

Gegenverkehr im albanischen Bergland
Mittagspause auf einer blühenden Almwiese
Erbe der kommunistischen Ära: Bunker in den Bergen

Über den Barmash-Pass und den Qarri-Pass erreichen wir Ostalbanien: Hier weitet sich das Land, die breite Talebene bietet beste Voraussetzungen für den Obstanbau und wird dementsprechend auch intensiv genutzt. Die Kirschenernte ist hier bereits in vollem Gange.

Eine weite Talebene rund um Korça…
…ist ideal zum Obstanbau: Die Kirschen sind gerade reif

Nach gut sechs Stunden reiner Fahrzeit, in denen wir aber nur etwa 200 Kilometer zurückgelegt haben, sind wir schließlich in der größten Stadt des Ostens angekommen – Korça ist erreicht. Wir haben nicht vorgebucht; aber bei der zweiten im Reiseführer empfohlenen Adresse haben wir Glück und erhalten ein sehr schönes Zimmer in der Vila Bujtina Sidheri, einem gemütlichen alten Steinhaus, zentrumsnah in einer schmalen Gasse gelegen. Hierher zu finden ist übrigens gar nicht so einfach: Die ersten drei Passanten, die wir um Rat fragen, sind nicht gerade sehr hilfsbereit, doch eine Frau, die gerade vom Einkauf kommt, macht das alles wieder wett, indem sie uns bis direkt vor die Tür des Guesthouse führt, das nicht durch das geringste Hinweisschild als solches gekennzeichnet ist.

Schöner wohnen…
…in der Vila Bujtina Sidheri

Bei einem Bummel durch die Innenstadt entpuppt sich Korça als sehr lebendig und recht modern: Besonders schön ist es zum einen rund um die Neue Kathedrale: Die orthodoxe Kirche wurde mit griechischer Unterstützung bereits 1992 prachtvoll neu errichtet – als Symbol für die Wiederauferstehung des Glaubens nach dem Ende des Kommunismus. Tatkräftig unterstützt wurde die Baumaßnahme aus dem nahen Griechenland. Korça liegt nur 35 Kilometer von der Grenze entfernt; die Menschen sind wirtschaftlich dorthin orientiert, die Stadt gilt heute als eine der wohlhabendsten des Landes. Das spiegelt sich auch im französisch beeinflussten, von Linden bestandenen und von Villen gesäumten Bulevard Shën Gjergjit wider, der von der Kathedrale quer durch die Innenstadt bis zum Sheshi i Teatrit, dem Theaterplatz, führt.

Symbol der Auferstehung der orthodoxen Kirche: die Neue Kathedrale
Der Ort zum Bummeln und zum Treffen von Freunden: Bulevard Shën Gjergjit

Hier befindet sich ein Bauwerk, das seiner Form wegen sehr umstritten ist: Der 2014 nach Plänen eines deutschen Architekturbüros errichtete Red Tower ist ästhetisch zwar wirklich nicht über jeden Zweifel erhaben, doch auf jeden Fall hat man von ganz oben einen wunderbaren Rundumblick über die Stadt und das malerische, von Bergzügen umgebene Umland.

Der Red Tower in Korça: ästhetisch zweifelhaft…
…aber mit toller Aussicht auf Stadt und Umland

In der Stadt ist aber auch der osmanische Einfluss unübersehbar: Der neu renovierte, ehedem heruntergekommene Alte Basar ist seit seiner Fertigstellung 2017 zu einem beliebten Ausgehviertel mit vielen Kneipen und kleinen Restaurants avanciert.

Der ehemalige Alte Basar
…ist heute ein beliebtes Ausgehviertel

Ein Erlebnis ist auch das Frühstück in der Vila Bujtina Sidheri: Im Keller des Gebäudes, in einem ehemaligen Restaurant serviert, ist es zum einen ausgesprochen reichhaltig, zum anderen ist das Ambiente äußerst stilvoll.

Frühstück in edlem Ambiente

Die nächste Etappe am Montag ist kurz: Gerade mal eine Stunde sind wir unterwegs, schon haben wir Pogradec erreicht. Wir sind damit am Ohridsee angelangt, dem ältesten See Europas, der ein Gewässersystem mit den beiden etwas südlich davon liegenden Prespaseen bildet; sie sind durch den karstigen Untergrund miteinander verbunden. Während der Kleine Prespasee – er ist der südlichste – weitgehend zu Griechenland und nur zu einem kleinen Teil zu Albanien gehört, verläuft im Großen Prespasee sowie im Ohridsee jeweils die Grenze zwischen Albanien und Mazedonien. Interessant wären alle drei Seen; aus Zeitgründen beschränken wir uns allerdings auf einen Besuch des Ohridsees und suchen in Pogradec, dem größten Ort am albanischen Ufer, zunächst eine Unterkunft.

Der Urlaubsort Pogradec schmiegt sich ans Südwestufer des Ohridsees

Das führt uns schnurstracks in die Touristen-Information: Die Dame dort spricht zwar nur sehr wenig Englisch, ist aber sehr hilfsbereit. Als wir erwähnen, dass wir nach der in unseren beiden Reiseführern genannten Fähre suchen, die von Pogradec hinüber ins mazedonische Ohrid führt, verneint sie bedauernd: „Diese Fähre gibt es nicht mehr!“ Wenn wir trotzdem dorthin wollen, können wir selbst dorthin fahren (was aufgrund der für unser Mietauto fehlenden grünen Versicherungskarte nicht möglich ist), ein Taxi nehmen (was ziemlich ins Geld geht) oder… einfach zu Fuß über die Grenze gehen und auf mazedonischer Seite mit einem Bus weiterfahren! Das hört sich doch gut an – nur wo genau ist der Grenzübergang und wie kommen wir am besten bis dahin? Auch für dieses Problem gibt es eine Lösung: Wir sollen am besten eine Unterkunft in dem wenige Kilometer südwestlich direkt am See gelegenen Stadtteil Tushemisht beziehen, von dort sind es nur 15 Minuten zu Fuß an die Grenze.

Am Ohridsee bei Tushemisht

Gesagt, getan: Wir fahren hinaus nach Tushemisht, entscheiden uns für ein äußerst geräumiges Zimmer mit Seeblick im Hotel Millennium und stehen kurz nach zwölf Uhr als Fußgänger an der albanischen Grenzstation. Die Passkontrolle verläuft zügig und unkompliziert; nach ein paar hundert Metern im Niemandsland haben wir den mazedonischen Grenzposten erreicht und werden auch dort sehr schnell durchgelassen.

Hier leiden wir garantiert nicht unter Platzangst…
Wir verlassen kurz mal Albanien…
…für einen Abstecher ins Nachbarland Mazedonien

Schneller als erwartet kommt der nächste Bus: Für umgerechnet knapp zwei Euro bringt er uns etwa 30 Kilometer bis nach Ohrid, der mit etwa 40.000 Einwohnern wichtigsten Stadt am See. Beide – See und Stadt – sind wegen ihrer Bedeutung für Natur und Kultur zusammen UNESCO-Welterbestätte. Bei einem Passagier erkundigen wir uns, wo wir aussteigen müssen, um am schnellsten ins Zentrum zu kommen – und sind nach wenigen Metern bereits mitten in der teils byzantinisch, teil osmanisch beeinflussten Altstadt. Vom Ploštad Fontana (Brunnenplatz) aus führen belebte Einkaufsstraßen, die allesamt zur Fußgängerzone ausgebaut sind, in alle Himmelsrichtungen.

Am Ploštad Fontana im Zentrum von Ohrid
Orthodoxer Priester mit Kinderwagen – er darf vor der Priesterweihe heiraten

Kirchen und Moscheen bestimmen, wie im benachbarten Albanien, auch hier gleichermaßen das Stadtbild. Wir kommen zunächst an der Zeynel Abidin Pasa Cami, einem türkisch anmutenden moslemischen Gotteshaus vorbei; beim Spaziergang durch die Altstadt sehen wir dann auch das wichtigste christliche Gebäude der Stadt, die auf das 11. Jahrhundert zurückgehende Sophienkirche sowie später die ebenfalls sehr sehenswerte St. Dimitrius-Kirche.

Nebeneinander der Religionen: Zeynel Abidin Pasa Cami
…und Sophienkirche
Sehenswertes Kleinod: die St. Dimitrius-Kirche

Ohrids Geschichte reicht bis in die Antike zurück: Das Hellenistisch-Römische Theater ist noch recht gut erhalten und zeugt von jener Zeit. Die Stadtmauer und die Samuil-Festung, die auf einen bulgarischen Zaren um das Jahr 1000 zurückgeht und, am höchsten Punkt der Stadt liegend, einen herrlichen Blick über die Landschaft und den gesamten Ohrid-See bietet, sind Relikte des Mittelalters.

Relikt aus antiker Zeit: das Hellenistisch-Römische Theater
Hoch über der Stadt liegt die Samuil-Festung…
Von hier genießen wir einen weiten Rundblick über Stadt…
…und See

Angenehm ist auch ein Bummel entlang der Uferpromenade. Hier zeigt sich Ohrid als einer der beliebtesten Ausflugsziele Mazedoniens – das kleine Land verfügt schließlich über keine Meeresküste. Nicht zu vergessen ein Restaurantbesuch: Nach der griechisch-italienisch beeinflussten Küche Albaniens gibt es hier Grillgerichte, die eindeutig dem balkanischen Kulturkreis zuzuordnen sind, wie Ćevapčići oder Pljeskavica.

Angenehmer Bummel entlang der Uferpromenade

Abends geht es schließlich mit dem Linienbus zurück an die Grenze und zu Fuß zurück in unser Hotel nach Tushemisht. Von hier starten wir am Dienstag eine lange Fahrt, die uns quer durch Albanien führen wird. Doch das erste Etappenziel ist nah: Noch am Ohrid-See, auf einer kleinen Halbinsel am Westufer, liegt das kleine Dorf Lin, das in den Reiseführern als besonders sehenswert empfohlen wird.

Schön gelegen: Lin am Westufer des Ohridsees

Also legen wir hier einen Stopp ein, sind aber nicht sonderlich begeistert: Es gibt eine schmale, langgezogene Gasse durch den Ort, in dem sich wie schon so häufig Moschee und Kirche fast gegenüberstehen.

In den Gassen…
…von Lin

Die Häuser sind aber nicht mehr durchgängig im traditionellen Baustil gehalten, und die über dem Dorf auf einem steilen Hügel liegende Ausgrabung einer frühchristlichen Basilika – der Ort war ein Sommersitz der Bischöfe von Ohrid – ist von einem Zaun umgeben und nicht betretbar. Was aber nicht viel ausmacht, denn auch von außen ist erkennbar, dass das eigentliche Prunkstück der Anlage, ein Bodenmosaik aus dem 6. Jahrhundert, offensichtlich zum Schutz vor Witterungseinflüssen mit Sand abgedeckt ist.

Ruinen der byzantinischen Kirche

Durch nach Westen hin allmählich niedriger werdendes Bergland erreichen wir am frühen Nachmittag die Küstenebene. Wir haben uns vorgenommen, Tirana weiträumig zu umfahren; denn die Hauptstadt besitzt noch keine Umgehung, und den dort herrschenden dichten Verkehr bei nicht gerade westeuropäischem Maßstab entsprechender Ausschilderung wollen wir nach Möglichkeit vermeiden.

Albanische Kontraste: Moderne Moscheen, wie hier in Cërrik…
…und verfallende Industrieanlagen

Ganz ohne Großstadt geht es auf dieser Etappe allerdings trotzdem nicht ab, denn damit kommen wir zwangsläufig nach Durrës. Die unweit westlich von Tirana gelegene wichtigste Hafenstadt des Landes ist auch ein sehr beliebter Badeort – allerdings einer von der Sorte, der wir rein gar nichts abgewinnen können: Kilometerlang ziehen sich südlich der Innenstadt Apartmentbauten, Bars und Restaurants der Küstenlinie entlang und sorgen im Sommer am Strand für Bilder wie aus Rimini. Die sonnenhungrigen Gäste, die vornehmlich aus Albanien selbst und dem Kosovo stammen, stören sich offensichtlich auch nicht an der schlechten Wasserqualität, die dort mangels effizienter Abwasserentsorgung besteht.

Durrës – Großstadt am Meer…
…mit viel moderner Architektur

Für uns ist Durrës nur einen zweistündigen Zwischenstopp wert: Neben einer Mittagspause fällt hier noch die Besichtigung eines antiken Amphitheaters an, das erst 1966 entdeckt und mitten in der Stadt ausgegraben wurde. Es zeugt von der bereits drei Jahrtausende währenden Siedlungsgeschichte des Ortes, genau wie die unmittelbar daneben vorbeiführende Stadtmauer, die Richtung Strand hinunter bis zum Venezianischen Turm führt, der als Wachturm die bereits bestehende byzantinische Befestigung verstärkte.

Überreste des alten Durrës: Venezianisches Tor
…Stadtmauer…
…und das auf Augustus zurückgehende Römische Amphitheater
…mit den gut erhaltenen Katakomben

Danach müssen wir noch ein ganzes Stück Richtung Norden fahren: Die Straßen sind großteils gut ausgebaut, doch der Verkehr ist vor allem im Großraum Tirana ziemlich stark, ganz im Gegensatz zu den meisten anderen Gegenden Albaniens. Und erschwerend kommt hinzu, dass genau an der Abzweigung von der Autobahn Durrës – Tirana nach Norden gerade eine Brücke saniert wird. Die ist gesperrt, die Umleitung über unbefestigte Nebenstraßen eines Gewerbegebiets nicht ausgeschildert, sodass man sich erstmal durchfragen muss, und die Nerven einiger Verkehrsteilnehmer liegen blank: Da wird eine lange Warteschlange einfach mal wild überholt und sich die Vorfahrt an einer Kreuzung mit roher Gewalt genommen – wie in so vielen Gegenden der Welt, zeigen auch die Albaner hinterm Steuer ein ganz anderes Gesicht als im normalen Leben. Wir haben noch Glück, dass wir nicht in Richtung Durrës unterwegs sind, denn in der Gegenrichtung stehen die LKWs kilometerweit. So kommen wir spätnachmittags gegen halb sechs Uhr gut in Shkodra, der größten Stadt des Nordens, an, und beziehen unser Quartier im AmberyellowBnB unweit der Innenstadt.