Batai-Aral.
Pünktlich um neun Uhr sind die Jurten geräumt, das Gepäck verladen: Nach drei Nächten verlassen wir das uns lieb gewordene, zuletzt aber mit Gästen überfüllte Jurtencamp Bel-Tam wieder und brechen auf zu neuen Ufern. Zunächst aber nicht besonders weit, denn schon bald haben wir – die uns schon vom Hinweg bekannte Uferstraße zurück nach Westen fahrend – Kyzyl-Tuu erreicht, das im ganzen Land als Dorf der Jurtenmacher bekannt ist. Nicht zu Unrecht: An die 90 Prozent der Einwohner leben von der Kunst, diese für die kirgisische Nomadenkultur so wichtigen runden Wohnzelte herzustellen. Bei einer Familie, die dieses Handwerk betreibt, erfahren wir sehr ausführlich und anschaulich, welche Arbeitsschritte dazu notwendig sind.

Das beginnt mit der Auswahl, dem Abschneiden und Entrinden von Weidenruten. Danach werden diese mit Wasserdampf biegsam gemacht, in die gewünschte Bogenform gebracht, glatt gehobelt, getrocknet und rot lackiert. Für den Tyndyk genannten Kranz, der die Kuppel in kirgisischen Jurten bildet (was sie von der mongolischen Variante unterscheidet), muss dickeres Holz verwendet werden, für das zaunartige Gestänge, das den unteren Teil stabilisiert, dünnere Zweige. Diese werden über Kreuz – ähnlich wie bei Jägerzäunen – miteinander verbunden, wobei sie leicht einzuklappen sind, weil sie durch Lederbänder zusammengehalten werden.





Die wasserdichte Außenhaut von Jurten wird durch großflächige, dickwandige Filzstoffe gebildet. Sie werden in der Fabrik gekauft, zugeschnitten und passend vernäht – alles reine Handarbeit, an der die komplette Familie beteiligt ist. Etwa fünf Jurten pro Jahr können hier produziert werden; der Preis für ein größeres Exemplar mit sechs Metern Durchmesser liegt bei etwa 3.000 Euro. Die Nachfrage ist – nicht zuletzt dank des Tourismus – in den letzten Jahren deutlich gestiegen, nachdem zu Sowjetzeiten dieses Handwerk rar geworden war, weil der Staat versuchte, das Nomadentum abzuschaffen und die Bevölkerung zur Sesshaftigkeit zu bewegen.



Danach verlassen wir den Issyk-Kul in Richtung Süden: Mittags haben wir das eher einem großen Dorf gleichende Provinzzentrum Kotschkor erreicht, nachdem wir unterwegs einen kurzen Halt am Stausee Orto-Tokoj eingelegt haben, zu dem der Tschui hier aufgestaut wird.

Wir essen wieder im Haus einer Familie und erleben dort gleich noch ein kurzes Konzert von vier vielleicht acht- bis zehnjährigen Jungs mit, die auf traditionellen dreisaitigen Instrumenten mit dem Namen Komuz spielen und dazu singen.

Nachmittags bummeln wir ein bisschen durch Kotschkor – wirklich viel zu sehen gibt es hier nicht; der Basar ist klein, die Hauptstraße von zahlreichen Läden, Supermärkten und Straßenverkäufern gesäumt und die Nebenstraßen unbefestigt und staubig. Interessantester Teil des Rundgangs ist ein Test des kirgisischen Nationalgetränks Kymys – vergorene Stutenmilch mit Rauchnote. Fazit: Muss nicht unbedingt zu unserem Leib- und Magengetränk werden, wir hatten uns den Geschmack aber schlimmer vorgestellt.






In unserer Unterkunft, dem Skyrdak Guest House, bietet sich die Gelegenheit, bei einer Vorführung zur Technik des Filzens zuzusehen. Der Stoff, aus dem nicht nur die Wände der Jurten bestehen, wird aus Schafwolle hergestellt; die Seniorchefin des Hauses, eine äußerst erfahrene Filzmacherin und Mitglied der örtlichen Frauenkooperative, demonstriert sehr ausführlich und anschaulich die Arbeitsschritte vom Legen von Mustern mit gefärbter Wolle über das Walken des Stoffes in einer gerollten Bastmatte (ca. 45 Minuten) bis zum Ausschneiden dekorativer Formen und Zusammennähen von verschiedenfarbigen Stoffen. Das Abendessen wird anschließend stilecht in einer Jurte, die sich im Innenhof des Anwesens befindet, serviert.










Am Freitagmorgen starten wir kurz vor neun Uhr. Ein kurzer Halt beim Laden der Frauen-Kooperative, der Einkauf von Wasser für die nächsten drei Tage – dann verlassen wir Kotschkor auf einer schmalen Landstraße, die immer weiter in die Berge hinaufführt, westwärts. Beim etwa 2.660 Meter hohen Kyzart-Pass verlässt Michail die Straße und bringt uns über eine Rüttelpiste zu ein paar Jurten: Hier warten schon Bergführerin Mirzaim, eine englischsprechende Studentin, und zwei Pferdeführer auf uns. Unser Gepäck haben wir zuvor aufgeteilt. Was nicht auf die nun anstehende Zweitages-Wanderung mit muss, bleibt in Michails Kleinbus; der Rest kommt in wasserdichte Packtaschen, die auf Lastpferde verladen werden, oder in die Tagesrucksäcke.


Kurz vor elf Uhr beginnt die erste Tagesetappe; zunächst durch eine Senke laufend, gewinnen wir anschließend in dem nur von einer dünnen Vegetation überzogenen, stark beweideten Bergland merklich an Höhe. Auf etwa 3.030 Metern am Tscholbaj-Bulagi-Pass haben wir bereits den höchsten Punkt des heutigen Tages erreicht; es geht von hier noch etwa eineinhalb Stunden abwärts bis zu einem an einem reißenden Bergbach gelegenen Nomadencamp, wo wir von den mit ihrem Vieh auf der Sommerweide lebenden Hirten mit einer kräftigen Suppe und gut gewürztem Salat bewirtet werden. Erstaunlich, wie hier unter einfachsten Bedingungen leckeres Essen auf den Tisch kommt! Der ist, wie in den Jurten allgemein üblich, sehr niedrig; die Gäste nehmen direkt auf dem mit Teppichen und Kissen ausgelegten Boden Platz.











Ein Pärchen aus unserer Gruppe muss hier eine schwere, aber unumgängliche Entscheidung treffen: Er kämpft schon seit gestern Nacht mit einer akuten Darminfektion, die ihn so geschwächt hat, dass es ihm selbst auf dem Rücken eines Pferdes nicht möglich ist, die Tour fortzusetzen. Hier im Camp besteht noch die Möglichkeit, sich mit einem herbeigerufenen Allradfahrzeug – dazu reiten unsere Guides noch einmal zum Pass hoch, weil es nur dort Handy-Empfang gibt – zurück nach Kotschkor bringen zu lassen. Dort wollen die beiden im Skyrdak Guest House nach einem freien Zimmer fragen. Unser Mitreisender hofft, morgen wieder so fit zu sein, dass er sich von Michail zum Ziel unserer Zweitageswanderung bringen lassen kann.

Die will der Rest der Gruppe wie vorgesehen zu Fuß oder teilweise auch mal auf dem Pferd – vier Reitpferde sind Teil unserer Karawane – absolvieren. Dafür müssen wir erst einmal den Rest der heutigen Etappe hinter uns bringen: Noch einmal geht es auf gut 2.800 Meter hinauf, bevor der Pfad hinunter ins „nur“ noch gut 2.500 Meter hoch gelegene Kilemtsche-Tal führt. Dort überqueren wir den Fluss und steigen noch einmal etwa 100 Höhenmeter den Gegenhang hinauf, bis wir unser Tagesziel, ein auf einem kleinen Plateau vor sich hoch auftürmenden Bergflanken befindliches Jurtencamp, erreicht haben.








War das Wetter am Freitag kein Thema, so ändert sich das über Nacht gewaltig: Ein fürs Gebirge typischer plötzlicher Schlechtwettereinbruch hat stattgefunden. Schon nachts hat es zu regnen begonnen, und auch nach dem Frühstück sieht es nicht nach Besserung aus. Aber es hilft ja nichts: Es muss weitergehen! Dementsprechend ziehen wir uns warm an, darüber kommen noch Regenjacke und -hose, und starten zur zweiten Tagesetappe. Es steht ein ordentlicher Aufstieg bevor: Von 2.600 Metern sollen wir in den nächsten zweieinhalb Stunden auf über 3.300 Meter hinauflaufen bzw. -reiten – bei Wind und mit Graupelkörnern vermischtem Regen eine absolut ungemütliche und kräftezehrende Angelegenheit, die manchen an seine Grenzen bringt.





Endlich oben am Dschalgyz-Karagaj angekommen, führt der Weg noch einmal eineinhalb Stunden bergab bis zum Jailoo (Höhenweide) Jaman-Etschki, wo wir durchnässt, aber glücklich unser Mittagsziel erreichen. Hier können wir uns umziehen, aufwärmen, essen – und dann, vor allem, unsere Gepäckstücke wieder in Michails Kleinbus einladen.


Unser erfahrener Chauffeur hat sich trotz der schlammigen Pistenverhältnisse bis hierher durchgekämpft und bringt uns nun ans Ufer des Son-Kul: Der 275 km² große, auf gut 3.000 Metern gelegene Hochgebirgssee ist das Ziel unserer Wanderung – doch den noch zwölf Kilometer langen Weg den See entlang bis zum Edelweiss Yurt Camp zu Fuß zurückzulegen, darauf hat nach den Anstrengungen der vorangegangenen Stunden keiner mehr Lust. Wermutstropfen: Unserem erkrankten Gruppenmitglied geht es noch nicht so gut, dass er hätte mitkommen können; er muss heute zum Arzt, wir werden ihn und seine Frau erst am Montag in Kotschkor wieder aufgabeln können.



Wir haben uns in den Jurten unseres an der Bucht Batai Aral im Nordosten des Sees gelegenen Camps – eines von mittlerweile mindestens zehn, die alle familiengeführt sind – eingerichtet, wurden mit Tee begrüßt und haben uns in die mittlerweile durchgekommene warme Nachmittagssonne gelegt, da türmen sich über der westlichen Seeseite immer bedrohlicher wirkende Gewitterwolken auf. Als Donner und Blitz näher kommen, der Wind sich zum Sturm auswächst und die ersten Tropfen fallen, ziehen wir uns in unsere Jurte zurück (hier gibt es den Luxus, dass jeweils eine für zwei Personen bereitsteht). Doch was dann kommt, damit haben auch unsere Gastgeber nicht gerechnet: Es schüttet und hagelt eine Stunde lang heftigst; unsere Jurte ist am Dach undicht, Wasser und Hagelkörner preschen hier und auch bei der Kaminöffnung (es steht ja auch ein Ofen im Zelt…) herein, und zu allem Überfluss drückt es das Wasser auch noch von den Seiten herein, sodass sich ruckzuck die Teppiche und sogar die Matratzen vollsaugen. Die Jurte von Carolin und Renate hat es ähnlich stark erwischt.



Die Landschaft ist nach diesem Einbruch der Naturgewalten von Hagelkörnern weiß überzogen, doch die Betreiberfamilie unseres Camps hat jetzt keinen Blick für dieses märchenhafte Bild im Abendlicht: Sie versucht fieberhaft, Wasser aus den am stärksten betroffenen Jurten zu schöpfen, gräbt Abflusslöcher und hat zudem noch mit einer für den Eigenbedarf genutzten, durch den Sturm zusammengebrochenen Jurte zu kämpfen. Nach dem Abendessen, das trotz der außergewöhnlichen Umstände fast pünktlich serviert wird, hat Camp-Chefin Anara dennoch bereits eine Lösung für uns parat: Wir packen alles, was wir für diese Nacht brauchen, zusammen und werden gemeinsam mit Carolin und Renate in das benachbarte Camp CBT Nr. 1 gebracht. Es wird von Anaras Eltern geführt; sie haben noch eine – sehr schön ausgestattete – Jurte mit Platz für vier frei, sodass wir am Ende des Tages warm und trocken untergebracht sind.




Der Sonntag ist zum Entspannen und Ausruhen vorgesehen. Michail bringt uns gleich morgens ins Edelweiss Jurt Camp zurück. Dort feiern alle am Frühstückstisch Renates Geburtstag. Anschließend genießen wir das Wetter, die tolle Berglandschaft rund um den spiegelglatt daliegenden Son-Kul und lassen alle nass gewordenen Einrichtungsgegenstände in der Sonne trocknen. Später sehen wir interessiert dabei zu (und können teilweise auch ein bisschen mithelfen), wie die gestern Abend zusammengebrochene Jurte wieder aufgebaut wird.











Das geschieht bereits wieder unter Zeitdruck: Gegen Mittag zieht erneut eine Gewitterfront auf, die am frühen Nachmittag zum nächsten kräftigen Regenschauer führt. Doch das Wetter zeigt an diesem Tag nochmals, wie schnell es sich hier im Hochgebirge wandeln kann: Am Spätnachmittag scheint wieder die wärmende Sonne, und das nächste Regengebiet zieht zum Glück an unserem Camp vorbei.



