Kara-Suu.

Ein friedlicher, sonniger Sommermorgen breitet sich nach einer sternenklaren, eiskalten Nacht über dem Son-Kul aus, als wir den Hochgebirgssee nach zwei Tagen wieder verlassen. Der Weg nach Kotschkor führt zunächst über eine sehr schlechte Piste, in deren Verlauf Michail auch Flüsse durchfurten muss, ehe der Straßenzustand besser wird, wenngleich weiterhin nicht asphaltiert. Auf dem Kalmak-Pass erreichen wir eine Höhe von fast 3.450 Metern: Das ist auch ein Grund dafür, warum diese Route, die in den 1990er Jahren für einen Besuch von Boris Jelzin ausgebaut wurde, nicht geteert ist. Im Winter würde die Asphaltdecke vom strengen Frost aufgesprengt werden, da ist ein ordentlicher Schotterbelag dauerhafter.

Durch raues Bergland…
…geht’s hinauf zum Kalmak-Pass
Die Gegend ist ursprünglich und menschenleer

Die Panoramen der Hochgebirgslandschaft mit bunten Bergen und Yak-Herden sind spektakulär; immer wieder muss Michail für Fotostopps halten, ehe wir auf der gut ausgebauten Hauptstraße angekommen sind, die uns schließlich nach Kotschkor bringt.

Yakherden säumen unseren Weg
Begegnung mit den urtümlichen Hochlandrindern

Dort steuern wir zunächst das uns schon bekannte Skyrdak Guest House an: Unsere beiden fehlenden Mitreisenden freuen sich riesig, wieder mit auf Tour gehen zu können, die Krankheitstage sind vorbei. Anschließend fahren wir gemeinsam ins Stadtzentrum: Wir haben beschlossen, uns dort in Supermärkten und auf dem Basar mit allem auszurüsten, was zu einem guten Picknick dazugehört. Die Alternative – noch einmal bei der Familie zu Mittag zu essen, bei der wir bereits am Donnerstag zu Gast waren – haben wir verworfen, weil wir nicht schon wieder so üppig speisen wollten.

Anschließend führt die Piste…
…nochmal zurück ins von hohen Bergen umrahmte Kotschkor

So halten wir eine Dreiviertelstunde später an einem Gebirgsbach auf dem Weg zum Kyzart-Pass, breiten im Schatten von Bäumen unsere Isomatten aus und genießen eine gute Brotzeit unter dem herrlich blauen Himmel.

Auf dem Markt…
…besorgen wir die Zutaten für ein reichhaltiges Picknick

Hinter der Passhöhe, wo wir vor drei Tagen unsere Wanderung begonnen haben, geht es auf staubiger Piste durch ein breites Hochtal weiter Richtung Südwesten.

Weite Hochebene…
…und einsamer Friedhof

Nahe des kleinen Ortes Aral zweigen wir rechts ab ins Tal des Flusses Kökömeren. Der breite, lebhafte Wasserlauf selbst ist bereits eindrucksvoll, doch wirklich spektakulär sind die bunten, hoch aufragenden Felswände direkt dahinter.

Beeindruckend: die bunten Berge…

Mitten in diesem faszinierenden Tal liegt das Dorf Kyzyl-Oi: Ziel unserer Tagesetappe, hier werden wir auf zwei Gästehäuser verteilt. Das „Haupthaus“, in dem wir alle verköstigt werden, liegt etwa 200 Meter von unserer einfachen Unterkunft, dem Guest House Damila Abdyrachmanowa, entfernt. Gleich am ersten Abend bleiben wir nach dem Essen noch länger als geplant, weil nach ein paar Runden Wodka, spendiert vom örtlichen CBT-Repräsentanten, und Gesangseinlagen die Stimmung so gut ist, dass die Gastgeber spontan mit einem Lautsprecher den Innenhof des Anwesens zur Freiluftdisco umfunktionieren.

Unverkennbar orientalisch: unser Schlafzimmer in Kyzyl-Oi
Hoch die Tassen – mit hochprozentigem Inhalt…
…und danach steppt nicht nur der Bär!

Am nächsten Tag ist das Programm nicht festgelegt. Es bietet sich jedoch an, mit einem lokalen Guide eine kleine Panoramawanderung über die ebenfalls sehr bunten und vielgestaltigen Höhenzüge rund um den Ort zu unternehmen.

Gemächlicher Rhythmus…
…des kirgisischen Landlebens
Die Landschaft rund um…
…Kyzyl-Oi…
…bietet sich für Wanderungen an

Wir treffen dabei unter anderem auf eine Felsformation, zu der einheimische Frauen in der Hoffnung auf Nachwuchs pilgern, auf einen Balbal (eine als Grabwächter dienende Figur aus längst vergangener Zeit) und mitten im Ort auf der sehr wenig befahrenen Durchgangsstraße auf – eine Druckknopfampel! Die steht zwar direkt vor der Dorfschule, ihre Notwendigkeit erscheint uns aber dennoch sehr zweifelhaft. Nach Aussage eines Einheimischen ist ihre Aufstellung denn auch eine eindeutige Folge von Korruption.

Blühende Wiesenkräuter…
…bunte Berge…
…und bizarre Felsformationen

Begegnung mit der Vergangenheit: Balbal auf offenem Feld
Begegnung mit der Zukunft: Kinderschar im Dorf
Rückkehr nach Kyzyl-Oi: Auffällig sind die Dorfmoschee…
…und die unverzichtbare Druckknopfampel auf der stark befahrenen Hauptstraße

Die Gastgeber lassen sich auch heute wieder etwas für uns einfallen: Mittags darf, wer Lust hat, beim Pelmeni-Kochen mitwirken, und abends wird auf einer kleinen Flussinsel, die gleich hinter dem Haus liegt, ein Lagerfeuer entfacht, an dem der Tag gemütlich ausklingt.

Unsere Frauen wirken aktiv an der Herstellung der Pelmeni mit…
So sehen die fertigen Teigtaschen aus
Abends am Lagerfeuer

Der Mittwoch wird zu einem langen Fahrtag: Bereits kurz nach acht Uhr ist das Gepäck komplett im Mercedes-Sprinter verladen, und die Etappe kann beginnen. Zunächst fahren wir noch einige Zeit das canyonartige Flusstal des Kökömeren hinauf, ehe die Landschaft sich weitet.

Morgenstimmung im Kökömeren-Tal
Wir durchqueren…
…eine wildromantische Landschaft

Beim Dorf Koschumkul legen wir einen kurzen Halt ein: Ein ziemlich heruntergekommen wirkender Bau ist das Grabmal eines kirgisischen Volkshelden. Koschumkul uluu-Kaba war ein 2,36 Meter messender Hüne, der als Ringkämpfer Legendenruf erlangte und sich noch größere Verehrung erwarb, als er in den 1920ern sich als Vorsitzender der Kolchose seines Heimatdorfs – das mittlerweile nach ihm benannt wurde – weigerte, den Amtskollegen eines Nachbardorfs mit einer Falschaussage zu belasten.

Windschief und altersschwach…
…das Grabmal von Koschumkul uluu-Kaba

Durch die weite Suusamyr-Hochebene erreichen wir nach einiger Zeit die M 41, die gut ausgebaute Hauptverkehrsstrecke zwischen Kirgistans zwei größten Städten – Bischkek im Norden und Osch im Süden. Die Abzweigung liegt direkt zu Füßen des sich in zahlreichen Serpentinen auf über 3.200 Meter hinaufziehenden Söö-Passes; doch ihn muss unser Mercedes-Sprinter nicht erklimmen, da wir in die andere Richtung – südwärts – abbiegen, wo wir in der Folgezeit einem intensiv von Pferden und Rindern beweideten Tal folgen.

Denkmal am Fuße des Söö-Passes
…mit entsorgtem Symbol der Sowjetzeit

An der Abzweigung nach Talas fällt uns ein schmuckes großes Tor auf, das die Grenze zwischen zwei Oblasts (Provinzen) markiert. Gleich daneben reckt sich unübersehbar einmal mehr ein gewaltiges Manas-Denkmal auf einem Felsvorsprung den Bergzügen entgegen.

Durch dieses Tor geht es in die Provinz Talas
Den Weg bewacht Kirgisen-Heros Manas

Anschließend wird das Tal enger und die Bewaldung zum ersten Male seit vielen Tagen wieder dichter. Über den fast 3.200 Meter hohen Ala-Bel-Pass gelangen wir gegen Mittag in die Provinzstadt Toktogul.

Am Wegesrand: Bergwälder, Jurten und…
…Bienenkästen

Auf dem Basar kann sich jeder nach Gusto mit Verpflegung eindecken; wir essen in einem einfachen Tagesrestaurant Suppe mit gefüllter Paprikaschote und erleben anschließend auf der Suche nach einer Toilette auf dem Basar eine Einrichtung, deren Zustand so ist, dass die Benutzung wirklich nur mit angehaltenem Atem möglich ist.

Nicht nur ästhetisch zweifelhaft: öffentliche Toilette auf dem Basar von Toktogul

Hinter Toktogul wird die Landschaft schnell wieder karger. Wir queren bald den breiten Fluss Naryn und fahren anschließend viele Kilometer den gewaltigen Toktogul-Stausee entlang, der zu Sowjetzeiten entstand, der Energiegewinnung dient und den pittoresken Hintergrund für eine bizarre weißlich-graue Berglandschaft, die dahinter aufragt, bildet.

Fremdartige Landschaft…
…am Toktogul-Stausee

In einem Café oberhalb des Sees sitzen wir das erste Mal an einem für Mittelasien typischen Möbelstück – dem Taptschan, einer erhöhten bettgestellähnlichen Sitzstätte, die in der Mitte mit einem niedrigen Tischchen ausgestattet ist.

Ungewohnte Sitzgelegenheit:
ein Taptschan

Einen weiteren Boxenstopp legen wir in der Kleinstadt Karakul ein. Danach wird die Fahrt durch eine wildromantische Schlucht fortgesetzt, die vom Naryn gebildet wird und in der der Fluss noch einige Male zu Energiegewinnungszwecken aufgestaut wurde.

Der legendäre kirgisische Feldherr Satykei-baatyr wacht über…
…diesen Staudamm…
…am Naryn

Taschkömür, die Steinkohlestadt, ist schließlich die Wegmarke, an der wir die Hauptstraße wieder verlassen. Fast 100 Kilometer auf schlechten Pisten, dafür aber durch eine sehr schöne Landschaft, die durch Flussläufe, Felswände aus rotem Sandstein und unzählige Obstbäume am Wegesrand gegliedert ist, stehen uns nun noch bevor, bis wir abends um 19 Uhr endlich das in einem schmalen, von hohen Bergflanken gesäumten Tal liegende Dörfchen Kara-Suu, am gleichnamigen Fluss gelegen, erreicht haben und dort in zwei sehr schlichte Gästehäuser einquartiert werden.

Dem Flusslauf des Kara-Suu folgend…
…gelangen wir am Spätnachmittag…
…endlich zu unserer Unterkunft in dem kleinen gleichnamigen Ort

Mein Bett  besteht z. B. aus zwei übereinander gelegten Pressspanplatten und abgesägten Baumstümpfen, die als Füße dienen… Auch die sanitären Verhältnisse sind sehr bescheiden, v. a. die Duschen leiden unter mangelnder Pflege und fehlender Frischluftzufuhr. Nun ja, es ist ja nur für eine Nacht; ansonsten ist die Familie sehr gastfreundlich, stellt uns gutes Essen auf den Tisch und versorgt uns aufs Beste, ehe am darauffolgenden Morgen unsere Dreitageswanderung beginnen soll.

Bettgestell Marke Eigenbau