Donaumünster.

Der fünfte und letzte Tag unserer Biertour ist angebrochen: Schon kurz nach acht Uhr morgens starten wir von Nürnberg in Richtung Schwaben. Erster Anlaufpunkt des Tages ist die Ries-Metropole Nördlingen, mit 20.000 Einwohnern die größte Stadt im Landkreis Donau-Ries. Das Wetter hat sich über Nacht grundlegend gebessert; es ist sonnig und vorfrühlingshaft mild, als wir einen kleinen Rundgang durch die Stadt unternehmen, der uns auf der Stadtmauer, die kreisrund die gesamte Altstadt umschließt und komplett begangen werden kann, vom Baldinger Tor bis zum Löpsinger Tor und anschließend mitten hinein in das mittelalterliche Zentrum führt.

Nördlingen ist von einer vollständig begehbaren Stadtmauer umgeben
Das Löpsinger Tor, eines der fünf Stadttore von Nördlingen
Die Altstadt – ein buntes Häusergewirr
Bemerkenswerte Renaissance-Freitreppe am Nördlinger Rathaus

Wenn man in Nördlingen ist, dann führt kein Weg an einer Turmbesteigung des Daniel vorbei: 70 Meter führen die Stufen auf den Kirchturm der St. Georgs-Kirche hinauf. Oben angelangt, werden die Mühen zunächst mit einem netten Small-Talk mit dem Türmer belohnt, der die Tickets verkauft und mit seinem abendlichen Ruf „So, Gsell, so!“ gleichzeitig eine Touristenattraktion darstellt; anschließend genießen wir den weiten Ausblick über den 14,5 Millionen Jahre alten, aufgrund eines Meteoriteneinschlags entstandenen Ries-Krater, dessen Rand überall im weiten Rund bestens zu erkennen ist.

Im Zentrum der Altstadt: Die St. Georgs-Kirche mit dem Daniel
Von oben hat man beste Fernsicht…
…über den gesamten Krater

Auch biertechnisch gibt es in Nördlingen etwas zu entdecken: Nachdem die letzte Traditionsbrauerei der Stadt, Ankerbräu, im Jahre 2016 ihre Anlagen stilllegte, wird jetzt nur noch das Maierbier gebraut – und das wiederum erst seit 2011, nachdem die Kleinbrauerei zuvor erste Versuche auf dem Land unternommen hatte. Die kleine Brauerei muss man erst einmal finden: Sie liegt am Stadtrand in einem Gewerbegebiet im Hinterhof und vermittelt ähnlich wie die Simsseer Biermanufaktur in Stephanskirchen den Charme einer Garagenbrauerei, auch wenn die Dimensionen hier schon ein bisschen größer sind. Verkauft werden ausschließlich Halbliter-Bügelverschluss-Flaschen in einem Neunergebinde, das als rustikale Holzkiste daherkommt. So gibt es nicht viel zu überlegen: Wir nehmen jeweils drei Flaschen Helles, Weizen und Kellerbier – die drei Sorten, die momentan vorrätig sind – mit und lassen uns zuhause mal überraschen, wie das schmeckt. Der Türmer auf dem Daniel jedenfalls hatte uns das Kellerbier besonders ans Herz gelegt…

Eine ehemalige Lagerhalle im Industriegebiet ist Standort von Maierbier
Im Holzträger befinden sich Helles, Weizen und Kellerbier

Eine Stunde sind wir anschließend – meist auf baden-württembergischem Gebiet – unterwegs, um zu unserem nächsten Ziel zu gelangen. Doch als wir die A 7 verlassen, gerät unser Zeitplan scheinbar ins Wanken: Eine Brücke, die wir benutzen wollen, ist wegen Bauarbeiten gesperrt; wir müssen einen ziemlichen Umweg in Kauf nehmen, um nach Neuhausen zu kommen. Das kleine Dorf im Landkreis Neu-Ulm, ein Ortsteil der Gemeinde Holzheim, besitzt mit dem Bärenbräu einen echten Geheimtipp: Eine Kleinbrauerei, versteckt in einer Seitengasse auf einem Hügel gelegen, die man wirklich nur findet, wenn man von ihr weiß und gezielt dorthin fährt.

Brauerei und Gasthaus direkt nebeneinander: Bärenbräu in Neuhausen

Wir haben sie auch deswegen ausgewählt, weil die dazugehörige Gaststube am heutigen Mittwochmittag geöffnet hat und wir damit zu einem Essen auch ein hier gebrautes Bier verkosten können. Peter bestellt die Bärenweiße und kann sie durchaus loben, ich muss hier natürlich – bei dem Namen! – ein Römertürmle probieren, ein süffiges, vollmundiges Märzenbier, das man ebenfalls gerne mal wieder trinkt.

Wir testen das Römertürmle und die Bärenweiße

Anschließend müssen wir schauen, dass wir weiterkommen: Etwa eine Stunde brauchen wir von hier an meinen Wohnort Donaumünster, womit wir wieder im Landkreis Donau-Ries sind. Wir bringen nur schnell das Auto nachhause, dann laufen wir gleich los zum Bahnhof Tapfheim, der nur knapp zehn Gehminuten entfernt ist. Mit dem agilis sind wir in wenigen Minuten in Donauwörth und steigen dort um in den Fugger-Express der DB-Regio – unser Ziel ist Augsburg, die 290.000 Einwohner zählende, am Lech gelegene Hauptstadt des Bezirks Schwaben.

Mit dem agilis
…und dem Fugger-Express von DB-Regio geht es weiter nach Augsburg

Peter kennt die Stadt bislang noch nicht; also nutzen wir die Gelegenheit und das immer noch sehr ordentliche Wetter für einen etwas ausführlicheren Rundgang. Ähnlich wie Nürnberg hat zwar auch Augsburg aufgrund der starken Kriegsschäden kein einheitliches historisches Stadtbild mehr, doch gibt es immer wieder Ecken und Straßenzüge, die an die Glanzzeit der von reichen Handelsfamilien wie den Fuggern und den Welsern geprägten freien Reichsstadt in der frühen Neuzeit erinnern: Der Fuggerplatz etwa mit dem prächtigen Köpfhaus, die beeindruckenden Fassaden in der Maximilianstraße und insbesondere das einem Schloss gleichende Rathaus, in dem wir den prunkvollen Goldenen Saal besichtigen. Auch der Fuggerei, der ersten Sozialsiedlung der Welt, und dem auf das 10. Jahrhundert zurückgehenden Dom statten wir noch kurze Besuche ab, ehe wir allmählich zur Bierkunde übergehen.

Fugger-Statue mit dem Köpfhaus im Hintergrund
Repräsentative Bürgerhäuser in der Maximilianstraße
Augsburgs Wahrzeichen – Perlachturm und Rathaus
Das Prunkstück des Rathauses: der Goldene Saal
Die Fuggerei – älteste Sozialsiedlung der Welt
Augsburgs Dom hat eine über 1000-jährige Baugeschichte

Zu diesem Zweck steuern wir zunächst auf den in der nordwestlichen Ecke der Altstadt direkt neben dem Wertachbrucker Tor gelegenen und danach auch benannten Thorbräu zu. Seit 1582 existiert diese Privatbrauerei bereits, die ihr Bräustüberl direkt neben dem Sudhaus betreibt. Die Karte offenbart eine reiche Auswahl an Biersorten: Thorbräu braut neben den traditionellen Bieren mittlerweile auch eine Vielzahl von Spezialbieren. Während Peter das Schwarzbier verkostet, entscheide ich mich für den Hopfenzauber, ein Pale Ale. Peters Eindruck: sehr süffig und vollmundig, und ich bin regelrecht begeistert, hier ein derart fruchtig-herbes, auf der Zunge prickelndes Getränk zu erhalten. Da legen wir doch gleich noch einmal nach: Auch das Celtic Bio-Bier ist – so mein Eindruck – gut trinkbar, ohne an den Hopfenzauber heranzukommen. Peters Zweitgetränk namens Fucking Rock & Roll Pale Ale entpuppt sich als eine Kreation der erst wenige Jahre alten Auxburg City Brewery, die im Stadtteil Oberhausen beheimatet ist: im Vergleich zum Thorbräu-Hopfenzauber, so sein Eindruck, ein bisschen malziger.

Direkt neben dem Wertachbrucker Tor gelegen: Thorbräu mit Bräustüberl
Schwarzbier und das Pale Ale Hopfenzauber – zwei richtig gute Biere

Wir machen den Spaziergang durch Augsburg rund, indem wir danach wieder zurücklaufen in Richtung Hauptbahnhof. Doch wir haben heute ja erst drei Brauereien angesteuert, da fehlt doch noch eine? Richtig: Direkt neben dem Bahnhof hat sich das Brauhaus Riegele angesiedelt, dessen Betriebsgeschichte bis 1386 zurückreicht. Eine Kleinbrauerei ist das zwar nicht, aber sie ist nach wie vor zu 100 Prozent in Familienbesitz und erfüllt damit unsere Kriterien für einen Besuch. Mit WirtsHaus, Shop, Biergarten, Tagungs- und Veranstaltungsräumen hat Riegele eine ganze Bier-Erlebniswelt aus dem Boden gestampft. Die Kreationen der Bier-Manufaktur sind als Spezialbiere im deutlich erhöhten Preissegment unterwegs, aber gleichzeitig braut das Unternehmen auch eine breite Palette von altbekannten Biersorten.

Brauerei Riegele mit angeschlossenem WirtsHaus

Ein vergleichsweise edles Ambiente also, in dem wir unsere Biertour beschließen. Doch wir tun das mit Genuss, denn was wir auch bestellen: Es schmeckt alles ausgezeichnet. Peters ausgewogenes, komplexes Simco 3, mein ausgesprochen hopfiges, zitrusfruchtiges Amaris 50 und zum krönenden Abschluss der dunkle Speziator, ein schwerer, malzig-süßer Doppelbock, der die Tour perfekt abrundet. Das Allerbeste: Es sind danach nur ein paar Schritte bis zum Zug, mit dem wir – erneut mit Umsteigen in Donauwörth – gegen elf Uhr abends zuhause in Donaumünster ankommen.

Zum Abschluss gibt’s Spezialbiere: Amaris 50 und Simco 3