Figueres.

Es geht wieder los! Nach einem Monat im eigenen Lande starten wir am Montagmorgen, dem 4. April unsere nächste Expedition im Rahmen unseres Sabbatjahres. Diesmal soll es mit dem Auto nach Spanien gehen.

Dass das nicht an einem Tag möglich ist, versteht sich eigentlich von selbst. Für den Montag haben wir uns erst einmal eine gut 500 Kilometer lange Etappe quer durch die Schweiz vorgenommen, die uns bis nach Frankreich führen soll. Dabei touchieren wir zwischen Lindau und Lustenau kurz Österreich, nutzen das für einen Tankstopp und kommen anschließend auf der Route vom Nordosten in den Südwesten der Schweiz an zahlreichen Orten vorbei, die wir letztes Jahr bei unserem Pfingsturlaub besucht haben, etwa Aarau, Solothurn, Bern, Lausanne oder Genf.

Brotzeitpause auf einem Rastplatz bei Solothurn

Nachmittags gegen halb vier Uhr sind wir schließlich in Chambéry angekommen: eine knapp 60.000 Einwohner zählende Stadt im Vorland der Savoyer Alpen, die auch als Hauptstadt des Departement Savoie fungiert. Als Übernachtungsplatz haben wir das Brit Hotel Chambéry ausgewählt: Es liegt verkehrsgünstig nahe der Autobahn – was allerdings andererseits auch bedeutet, dass es sich ziemlich weit außerhalb des Zentrums in einem Gewerbegebiet befindet. Um wenigstens einen kleinen Eindruck von der Stadt zu erhalten, fahren wir deshalb am Spätnachmittag nochmal los. 

Außerhalb der Stadt in einem Gewerbegebiet gelegen: Brit Hotel Chambéry

Der Streifzug durch Chambéry lohnt sich ohne Wenn und Aber: Die Altstadt wird von vielen sehenswerten Bürgerhäusern aus dem 18. und 19. Jahrhundert dominiert; herausragend sind zum einen das mächtige Schloss Chambéry, das einst als Wohnsitz für die Herzöge von Savoyen diente, zum anderen die spätgotische Kathedrale Saint-François-de-Sales mitten in der Innenstadt. Ein Wahrzeichen Chambérys ist außerdem der Elefantenbrunnen aus dem Jahre 1838, der an den aus der Stadt stammenden, in Indien zu Wohlstand gekommenen General Graf de Boigne erinnert. Wir runden unseren Stadtrundgang mit einem Flammkuchen im Bistro L’Arbre à Bières ab, ehe wir zurückfahren ins Hotel.

Chambérys Place du Palais de Justice
Chambérys Rathaus wurde im Jahre 1863 errichtet
Schloss Chambéry, eine mittelalterliche Residenz der Herzöge von Savoyen
Spätgotisch: Kathedrale Saint-François-de-Sales de Chambéry
Chambérys Wahrzeichen: der Elefantenbrunnen
Altstadtflair an der Place Saint-Léger

Am nächsten Morgen sind wir kurz nach acht Uhr bereits wieder im Auto. Noch ein ganzes Stück fahren wir durch die Ausläufer der französischen Alpen, vorbei an kilometerlangen Walnussplantagen. Auf dem Weg nach Süden erreichen wir die Provence – Lavendelfelder am Wegesrand sind dafür ein untrügliches Zeichen, wenngleich sie natürlich um diese Jahreszeit noch weit davon entfernt sind, violett zu blühen. Kurz hinter Orange ist ein Abschnitt der Autobahn gesperrt: Wir müssen ein Stück über Landstraßen ausweichen und kommen dabei mitten durch das berühmte Weinanbaugebiet von Châteauneuf-du-Pape.

Riesige Walnussbaumplantagen säumen unseren Weg
Weinanbau rund um Châteauneuf-du-Pape

Ab Nîmes führt unsere Route auf der vielbefahrenen A 9 parallel zur Mittelmeerküste weiter südwestwärts. Die mitteleuropäische Kälte haben wir endgültig hinter uns gelassen; es ist angenehm warm, als wir in der Nähe von Montpellier auf einem Autobahnrastplatz zum Picknick anhalten.

Je näher wir Spanien kommen, umso deutlicher rückt die beeindruckende, schneeweiße Bergkette der Pyrenäen ins Blickfeld. Als wir die Grenze, um insgesamt gut 70 Euro Maut erleichtert, gegen viertel vor drei Uhr überqueren, tun wir das aber so nahe der Mittelmeerküste, dass die Berge deutlich abgeflacht sind. Von hier ist es nicht mehr weit bis zu unserem ersten Ziel in Spanien, dem gut 45.000 Einwohner zählenden Figueres.

Südfrankreich: Die Pyrenäen rücken näher

Im Sercotel Hotel President kommen wir für die nächsten zwei Nächte zentrumsnah unter; das Auto können wir in der hoteleigenen Tiefgarage abstellen und haben damit die Möglichkeit, den Ort bequem zu Fuß zu erkunden.

Eine geschlossene Altstadt kann die Stadt im äußersten Nordosten Spaniens nicht mehr vorweisen: Viel von der historischen Bausubstanz wurde während des Spanischen Bürgerkriegs im Jahr 1939 zerstört; das katalanische Figueres stand bis zum Schluss treu auf der Seite der republikanischen Kräfte und wurde daher von den franquistischen Truppen heftig bombardiert.

Vereinzelt sind noch historische Fassaden in den Straßen zu sehen

Am authentischsten wirkt Figueres rund um die Rambla, eine breite, platanenbestandene Plaza, und in den sich daran anschließenden Seitengassen. Hier befindet sich auch der unbestrittene touristische Hauptanziehungspunkt der kleinen Stadt: Das Teatre Museu Salvador Dalí, mit dem sich der exzentrische Künstler in seiner Heimatstadt bereits zu Lebzeiten selbst ein beeindruckendes Denkmal gesetzt hat.

Die Rambla, der Hauptplatz von Figueres…
…mit schön gestalteten Fassaden

Am Dienstagabend bewundern wir das ehemalige Stadttheater mit dem mächtigen runden Torre Gorgot, einem Überrest der alten Stadtbefestigung, nur von außen und genießen in der Sidreria Txot’s prima Tapas und originell mit eigenem Zapfhahn servierten Cidre.

Eingang zum Teatre Museu Dalí…
…und Schauseite mit dem Torre Gorgot
Kunst im Stile Dalís auch in den angrenzenden Gassen
Sidre aus dem Zapfhahn, frisch aus der Flasche

Am Mittwoch haben wir es nicht eilig: Das Dalí-Museum öffnet erst um 10.30 Uhr seine Pforten; zum Glück haben wir am Vorabend noch die letzten zwei verfügbaren Tickets für diese Uhrzeit online gekauft. Möglichst immer etwas vor den um diese Zeit angemeldeten Touristen- und Schülergruppen laufen wir durch die auf drei Ebenen verteilten Räume dieses Kunsttempels, in dem Dalí nicht nur seine eigenen, häufig sehr exzentrischen Werke ausgestellt hat, sondern in einigen Räumen auch Platz für geistes- und stilverwandte Kollegen bietet. Im Untergeschoss ruht der 1989 verstorbene Meister in einer eigens dafür konzipierten Gruft.

Innenhof des Dalí-Museums
…Beispiele seines künstlerischen Werks…
…auch in überdimensionaler Größe…
…und die Gruft des Meisters

Ein Besuch von Figueres wäre allerdings nicht vollständig, würde man sich den Weg zum Castell de Sant Ferran sparen. Auf einem Hügel oberhalb der Stadt entstand zwischen 1753 und 1769 die größte Festungsanlage Europas im 18. Jahrhundert, mit der sich Spanien gegen den nördlichen Nachbarn Frankreich schützen wollte, der zuvor bereits ehedem spanische Gebiete erobert hatte. Die gewaltigen Dimensionen der 32 Hektar umfassenden Anlage werden uns bei einem Rundgang so richtig bewusst. Sechs ausladende Bastionen, langgestreckte Wohntrakte für die Soldaten, ein riesiger Pferdestall in den Kasematten, ein fast 10.000 m² großer Waffenhof… das Bollwerk war für eine ständige Besatzung von nicht weniger als 4.000 Mann konzipiert!

Eingang zum Castell de Sant Ferran
Eine der Bastionen
Der Waffenhof
In den Pferdeställen
Blick ins weite Land Richtung Pyrenäen

Nachdem wir im Restaurant Catalunya amor meu regionale Spezialitäten zum Mittagessen probiert haben, laufen wir weiter zum Bahnhof – es bleibt noch genügend Zeit für einen Ausflug in die 100.000-Einwohner-Stadt Girona, die wir mit der Regionalbahn nach 40-minütiger Fahrt erreichen. Die Provinzhauptstadt an der Mündung des Onyar in den Ter ist in seinem mittelalterlichen Stadtzentrum weitgehend verkehrsberuhigt, sodass man hier gemütlich bummeln kann. Erhöht über der Stadt thront die mächtige gotische Kathedrale Santa Maria. Schön ist es auch in den alten Gassen der Innenstadt, an der langgestreckten Stadtmauer und insbesondere am Ufer des Onyar, zu dessen Seiten bunte Häuserfassaden für eine heitere Stimmung sorgen.

Die Kathedrale Santa Maria überragt Gironas Altstadt
An der alten Stadtmauer
Eine steile Treppe führt hinauf…
…zum Universitätsviertel mit der Església de Sant Domènec
Elegant: Plaça de la lndependència
Verwunschen: schmale Altstadtgasse
Der Onyar fließt mitten durch die Stadt…
…vorbei an bunten Fassaden

Was uns hier – und auch zuvor schon in Figueres – auffällt: Mit Spanisch sollte man die Einheimischen besser nicht anreden, das hören sie gar nicht gern. Ob im Restaurant, in einem Laden oder am Bahnhofsschalter: Lieber weichen die Katalanen auf Französisch, zur Not auch auf Englisch aus; die Sprache des ungeliebten Besatzers – als solche werden die Spanier hier ja empfunden – will man gar nicht in den Mund nehmen. Wie die Stimmung hier ist, machen unzählige katalanische Flaggen und gelbe Schleifen (mit ihnen wird die Unterstützung für inhaftierte katalanische Politiker ausgedrückt) im Straßenbild ebenso deutlich wie entsprechende Schriftzüge an Wänden. Was im Vergleich dazu wohl nicht ganz so wichtig genommen wird: ein ansprechendes Straßenbild auch außerhalb der Stadtmitte – da erscheint uns so mancher Platz, so mancher Fassadenzug schon etwas arg vernachlässigt…

Gelbe Schleifen an allen Laternenpfählen in Gironas Fußgängerzone…
…unübersehbare Forderungen nach Unabhängigkeit…
…und Freiheit für die politischen Führer (hier in Figueres)